Interessante Historie aus Oranienburg

OGA vom 26.05.2021 Oranienburg

Ein namensgebender Wunsch
und ein Galgenberg

Serie Der Historiker Bodo Becker hat die Straßennamen der Kreisstadt unter die Lupe genommen. Dabei entdeckt er so manches Geheimnis aus der Vergangenheit. Teil 9

Die Kremmener Straße mit den Werkshäusern der ersten deutschen Stahllederfabrik von „Heintze & Blanckertz“.Fotos (2): Archiv Bodo Becker

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as Gebiet südöstlich der Berliner Straße bis zur Havel nannte man noch in den 1920er Jahren Berliner Feld. Bemerkenswert ist hier der noch vor hundert Jahren vorhandene Flurname Hammelplan.

Das Areal zwischen der heutigen Robert-Koch-Straße und der Isarstraße war Besitz der Fleischerinnung gewesen, die es 1823 bei der Neuordnung des Grundbesitzes (Separation) als Weideplan erhalten hatte. Hier befand sich auch der Gutsbezirk Havelhausen, der dem Berliner Unternehmer Gustav Ebell (gestorben 1916) gehörte. Schon vor dem 1. Weltkrieg hatten Ebell und sein Gutsverwalter Max Drope für die Erschließung und Bebauung des Geländes eine Straße und eine Havelbrücke geplant. Im Auftrag von Ebell führte der Verwalter die notwendigen Verhandlungen für die Realisierung mit dem Magistrat und den Behörden in Potsdam. Nach ihrer Fertigstellung 1913 verläuft diese als Ringstraße von der Kurfürstenstraße (André-Pican-Straße, Abzweig Dr.-Heinrich-Byk-Straße) über die Lehnitzstraße bis zur errichteten Havelbrücke, die man als Kaiser-Wilhelm-Brücke einweihte. Von hier trug sie durch das Berliner Feld bis zur Berliner Allee (Berliner Straße) den Namen Gustav-Ebell-Straße. Damit hatte die Stadt  ihre erste Umgehungsstraße bekommen.

1922 schraubte man das gusseiserne Namensschild ab und die Havelbrücke erhielt einige Jahre später den Namen Ringstraßenbrücke. Die Abstimmung im Jahre 1935 über die Zugehörigkeit des Saarlands zum Deutschen Reich brachte mit Saarlandstraße und Saarlandbrücke neue Namen. 1945 fielen die Brückenteile nach einer Sprengung durch die Waffen-SS in die Havel. Erst 1990 konnte die unterbrochene Umgehungsstraße mit einem Brückenneubau, bezeichnet als Havelbrücke Saarlandstraße, wieder geschlossen werden. Bei den Brückenprüfungen ab 2000 setzte sich dann der Name Dropebrücke durch. Ende 2019 konnte anstelle der rückgebauten Brücke die neue Dropebrücke eingeweiht werden.

Zwischen der rückseitigen Begrenzung des Stadtfriedhofs und dem Oranienpark (ehemals Gelände der Stahlfederfabrik „Heintze & Blanckertz“) verläuft die Friedensstraße (1920 Frieden­straße). Der Name sollte nicht nur einen Wunsch ausdrücken, sondern bezog sich auch auf die anliegenden Friedhöfe als Orte des Friedens (bereits erwähnt in Teil 7).

Die Bebauung an der Ecke Friedens- und Kremmener Straße geschah in den 1920er Jahren mit Werkshäusern der Stahlfederfabrik. In den Häusern mit ausgebautem Dachgeschoss wohnten jeweils drei Familien. Zu jeder Wohnung gehörte ein kleines Stück Gartenland. Die 1912/13 errichteten Fabrikgebäude (bis 1990 VEB Kaltwalzwerk, heute „Oranienwerk“) lehnen sich mit ihrer Fassadengestaltung sichtbar an das Waisenhaus an. Bevor in ihnen Generationen von Industriearbeitern ihren Lebensunterhalt verdienten, verrichtete der Müller Hermann Iden auf dem noch unbebauten Grundstück bis 1911 mit der letzten Oranienburger Bockwindmühle sein Tagwerk. Wie der Müller galt in der mittelalterlichen Ständegesellschaft auch der Scharfrichter als „unehrlicher“ Beruf. Ballhorn schreibt 1850 in seiner Stadtgeschichte: „Auch ein Galgen muß bei Bötzow gestanden haben… Vor dem Nauener Tore, in der Gegend des jetzt zur Windmühle gehörigen Gartens, lag nach einer Karte vom Jahre 1720 der Garten am Galgenberg“. Zufall?

Fortsetzung folgt…

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