Brandenburg und der Wolf – leider ein Streitthema

OGA vom 29. November 2023 OBERHAVEL

Dem Wolf auf der Spur

Natur

Ist es Isegrim oder doch ein Hund? Experten mit feinen Nasen folgen Fährten und schwärmen von magischen Momenten. Der Dauerstreit um das Wildtier bleibt für sie Nebensache.

Von dpa

Die Verwechslungsgefahr ist groß: Bürger wollen einen Wolf auf Wanderschaft gesehen haben und melden sich bei den Behörden – am Ende ist es doch nur ein großer Hund. Auch Paul Wernicke kann sich nicht immer hundertprozentig sicher sein, denn die Trittsiegel, also die Pfotenabdrücke, sind sehr ähnlich. Als Fährtenleser und Leiter einer Wildnisschule in Bad Belzig unterstützt der 45-Jährige das Wolfsmonitoring in Brandenburg. Seine Begegnungen mit dem Wolf beschreibt er so: „Es hat schon was Magisches, weil man den einfach nicht häufig sieht.“ Die meisten sicheren Wolfsnachweise erbringen aber Wissenschaftler, die im Labor anhand von Kot, Haaren und Speichelresten nach Weidetier-Rissen genetische Analysen durchführen.

Paul Wernicke und seine Begleiter Greg und Sebastian laufen an einem kühlen Herbstvormittag tief hinein in den Wald im Hohen Fläming im Südwesten Brandenburgs. Die Region, auch bekannt durch mehrere mittelalterliche Burgen, gilt als Naturidyll und wird als Paradies für Stillesucher beschrieben. Schon auf den ersten Metern zwischen Kiefernstämmen hindurch stoppt Wernicke, der sich für Vogelstimmen begeistert, immer wieder und horcht. Kohlmeise, Zaunkönig und Spechte sind hier zu Hause.

Die Region gilt als Naturidyll und wird als Paradies für Stillesucher beschrieben.

Die Spurenleser kennen die Reviere des Wolfs – die Orte, wo er durchzieht oder wo er womöglich Welpen zur Welt bringt. „Wir können über Fährten bestätigen, ja, es war ein Wolf“, sagt Wildnispädagoge Wernicke.

Auch bei der aufsehenerregenden Suche nach einer angeblichen Löwin in Kleinmachnow bei Berlin hatten im Sommer Spurenleser und internationale Experten bei der Aufklärung geholfen. Sie erkannten anhand von Fotos, dass es sich doch nur um ein Wildschwein handelte.

Seit einem ersten Kurs, da war er Mitte 20, sei er süchtig nach Tierspuren und Geschichten aus der Natur, erzählt Fährtenleser Wernicke. „Für mich gibt es nicht Schöneres, als draußen zu sein.“ Er habe schon viele Wolfsspuren gesehen und den Wolf auch heulen hören, erzählt sein Freund Sebastian Model, der aus Sachsen nach Bad Belzig zog. „Das ist sehr, sehr magisch.“ Gesehen habe er ihn aber noch nicht.

Systematische Datensammlung

Im Wald sammeln die Fährtensucher Haare und Kotproben, riechen an den Hinterlassenschaften, versuchen die Trittsiegel von Wölfen auszumachen. Markierungspfeile, mit denen sie Spuren am Boden kennzeichnen, ein Zollstock, manchmal auch eine Wärmebildkamera gehören zur Ausrüstung.

In der Landschaft des Naturparks Hoher Fläming sollen sich in den vergangenen 15 Jahren mehrere Rudel angesiedelt haben. Aufsehen hatte 2017 ein Jäger aus Dänemark erregt, der eine Wölfin während einer Treibjagd bei Bad Belzig erschossen hatte. Der Wolf ist in Deutschland eine streng geschützte Art und darf – abseits seltener Ausnahmeregelungen – nicht bejagt werden.

In einem Buchenwäldchen machen die Spurenleser zuerst ein paar unterirdische Dachsbauten aus. Dann inspizieren sie eine Höhle – eine mögliche Wurfhöhle, wie sie eine Wölfin für die Geburt ihres Nachwuchses gräbt, wie Wernicke erklärt. Erst steckt der etwa 1,90 Meter große Mann den Kopf in die Öffnung, dann schiebt er sich immer weiter in die enge, sandige Höhle hinein, bis nur noch seine Waden und Füße mit den Wanderschuhen herausschauen.

Frische Wolfsspuren oder Hinterlassenschaften? Fehlanzeige. Paul Wernicke ist überzeugt, dass er hier keine Wölfe stören kann. In der Regel bringt eine Wölfin im April oder Mai ihre Welpen zur Welt. Auf Bildern einer Kamera sind nur Füchse zu erkennen. Auch der Sandweg mit vielen Fußabdrücken verrät den Spurenlesern, dass Fuchs, Reh und Hase hier unterwegs waren – ein Wolf an diesem Tag aber wohl nicht. Immerhin: Alte Wolfslosung, also Kot, liegt auf dem Weg.

„Also, ich habe lange Jahre Wolfskurse gegeben, bevor ich meinen ersten Wolf gesehen habe“, meint Wernicke, der mit seiner Familie abgelegen am Waldrand lebt. Jetzt sei das anders: „Der Wolf läuft regelmäßig 15 Meter hinter meinem Haus an der Feldkante entlang.“

Deutschland ist längst wieder Wolfsland geworden. Die zur Tierfamilie der Hunde gehörenden Wildtiere breiten sich aus. Nach neuesten Zahlen des Bundesamtes für Naturschutz gibt es 184 Rudel, also Wolfsfamilien – 22 mehr als im vorherigen Monitoringjahr 2021/22, das von Anfang Mai bis Ende April des Folgejahres dauert. Die meisten Rudel leben in Brandenburg, wo es laut Umweltministerium 62 bestätigte Territorien, 52 Rudel und 190 Welpen gibt. Eine Gesamtzahl der Tiere geben die Behörden nicht an, unter anderem, weil die Zahl der Wölfe innerhalb eines Rudels schwankt.

Die Länder sammeln systematisch Daten zum Wolfsbestand, gewinnen mit genetischen Untersuchungen von Kot, Haaren und Abstrichen von gerissenen Tieren sichere Nachweise und können Verwandtschaften feststellen. Auch Fotofallen gelten nach Einschätzung des Bundesamtes für Naturschutz als bewährte Methode. Wo die Kameras hängen, wird aus Sorge vor Beschädigungen und Wolfs-Tourismus geheimgehalten.

Schädel als 3D-Modell, Haare in Tütchen

Viele ehrenamtliche Wolfsbeauftragte, die meist eine gute Ortskenntnis haben, unterstützen das Wolfsmonitoring in Brandenburg und liefern wichtige Daten. Spurenleser erbringen dabei nur einen verschwindend geringen Anteil, wie ein Sprecher des brandenburgischen Landesamtes für Umwelt sagt.

Aufschluss über den Wolfsbestand gibt das Senckenberg Zentrum für Wildtiergenetik in Hessen, das deutschlandweit gesammelte Proben untersucht. Pro Jahr seien es etwa 5000 DNA-Analysen, sagt der Leiter Carsten Nowak. Inzwischen untersuchten die Wissenschaftler vor allem Speichelproben nach Weidetierrissen.

Weil Attacken auf Schafe, die oft leichte Beute für den Wolf sind, zugenommen haben, steigt die Wut mancher Landwirte. Es gibt Forderungen, Abschussquoten festzulegen. Bundesumweltministerin Steffi Lemke (Grüne) will schnellere Abschüsse einzelner Wölfe in Regionen ermöglichen, in denen vermehrt Weidetiere gerissen werden. Umwelt- und Tierschützer etwa vom Naturschutzbund (Nabu) können sich damit anfreunden, Jägern und Bauern reicht das geplante Vorgehen nicht. Auch Wissenschaftler Nowak bekommt den Streit zu spüren. „Wir werden auch angefeindet, mal von Wolfsgegnern, mal von Wolfsfreunden“, erzählt der Institutsleiter.

Bei den Spurenlesern aus Bad Belzig überwiegt die Leidenschaft für den Wolf. Ein Schädel steht als 3D-Modell in der Wildnisschule, Wolfshaare werden in Plastiktütchen aufbewahrt, anhand von in Ton abgebildeten Pfotenabdrücken lässt sich erklären, woran man eine Wolfsspur erkennen kann. Vor allem treibt die Tracker die Liebe zur Natur an, die sie in Kursen zum Spurenlesen, aber etwa auch über die Vogelsprache Erwachsenen und Kindern vermitteln wollen, wie sie sagen. „Ich glaube, dass es langsam durchsickert in der Gesellschaft, dass Naturverbundensein, sich da draußen auskennen, sich da auch wohlfühlen, eine immer höhere Bedeutung bekommt (…)“, meint Wildnispädagoge Paul Wernicke.

Ob die Spurenleser demnächst auch häufiger den Fährten eines Neuankömmlings, des Goldschakals, folgen können? Eine Verwechslung mit seinem engen Verwandten, dem Wolf, ist möglich, aber auch mit dem Fuchs. Laut Deutscher Wildtier Stiftung breitet sich das scheue Tier noch eher heimlich in Deutschland aus. Den ersten dokumentierten Nachweis eines Goldschakals, der ursprünglich in Asien und auf dem Balkan zu Hause ist, hatte es 1997 in Brandenburg gegeben. Es sei durchaus möglich, dass Goldschakale durchs Land streifen, mit Ansiedlungen sei zu rechnen, heißt es vom Landesumweltamt. „Ich gebe denen noch 15, 16 Jahre, dann wird er hier häufig sein“, meint Fährtenleser Sebastian Model.

In den letzten Jahren folgten Sichtungen schon in immer mehr Bundesländern. In etablierten Wolfsterritorien wird der Goldschakal sich bisherigen Erkenntnissen zufolge allerdings kaum niederlassen – sein großer Bruder stellt eine tödliche Gefahr für ihn dar.

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