Die Deutsche Bahn kann es nicht…

OGA vom 23. November 2023 TITELSEITE

Vom RE6 abgehängt: Entsetzen in Sommerfeld

Prignitz-Express

Die Deutsche Bahn informierte in Kremmen über die Ausbaupläne der Strecke zwischen Velten und Neuruppin.

Von Roland Becker

Sowohl der Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg als auch die Deutsche Bahn verkaufen den Ausbau des RE6 – besser bekannt als Prignitz-Express – seit Jahren als die Revolution auf der Schiene, die zwischen Neuruppin und Berlin möglich ist. Bei einem Vor-Ort-Termin, zu dem die Bahn zu Montag nach Kremmen eingeladen hatte, stellte sich heraus: Für viele Bahnfahrende wird diese angekündigte Verbesserung zum Desaster.

Der Saal im Spargelhof Kremmen platzte aus allen Nähten. Statt der erwarteten 35 Interessierten waren rund 200 gekommen. Die bekamen erst einmal die glänzende Seite der Medaille präsentiert. „Der 30-Minuten-Takt ist das Kernziel des Prignitz-Expresses“ hieß es zum Start vonseiten eines Vertreters der Bahn. Mit dem Ausbau zwischen Kremmen und Neuruppin soll dieser Takt 2026 kommen.

Von den Vertretern der Bahn wurde der Ausbau zwischen Kremmen und Neuruppin zwar bis zur letzten Weiche erläutert. Doch die damit verbundenen Nachteile wurden erst auf Nachfrage eingeräumt. Im Laufe des Abends stellte sich nämlich heraus: Von dem 30-Minuten-Takt profitieren längst nicht alle. Vier Orte werden sogar ganz von der direkten Verbindung nach Berlin abgehängt. „Ich habe das auch erst vor drei oder fünf Monaten erfahren und war sehr überrascht“, meldete sich Kremmens Bürgermeister Sebastian Busse (CDU) zu Wort. Was ihn überrascht hat, sorgte bei anwesenden Vertretern der Sana-Kliniken und bei Jan Schröter, Geschäftsführer vom Hotel & Spa Sommerfeld für Entsetzen.

Nach der Sanierung der Strecke bekommt der Bahnhof Beetz-Sommerfeld zwar ein zweites Gleis. Doch ein Bahnsteig ist dafür nicht vorgesehen. Aus schlechtem Grund: Der Halt für Beetz-Sommerfeld wird gestrichen. Damit verliert dieser Bahnhof ebenso wie der von Wustrau-Radensleben den direkten Anschluss nach Berlin.

„Dieser Bahnhalt ist für uns existenziell wichtig. Den zu streichen, ist ein eindeutiger Planungsfehler, den man nicht zugeben will“, unterstrich Hotelchef Schröter. Auch vonseiten der Sana-Kliniken erklärten die Direktoren Mathias Kloß und Andreas M. Halder den Halt für unverzichtbar: „Wir haben uns immer auf den Ausbau des RE6 gefreut. Und jetzt sollen wir keinen direkten Anschluss an Berlin mehr haben.“ Bei 650 Mitarbeitern und jährlich 15.000 Patienten sei der Wegfall nicht verschmerzbar. Kloß warnte: „Ich sehe die Sicherstellung unseres Bedarfs an Arbeitskräften gefährdet.“

Im Prinzip, so ein Vertreter der Bahn, könne man diese Bedenken verstehen. Doch man müsse andere Prioritäten setzen. Der Fahrplan muss so getaktet sein, dass die Anschlüsse in Hennigsdorf und Wittenberge erreicht werden können. Daher müsse der RE6 an besagten Bahnhöfen vorbeirauschen. „Die Fahrzeitverlängerung bekommen wir nicht untergebracht“, argumentierte Kai Protzer, bei der Bahn Projektleiter für den Prignitz-Express. Das verwundert insofern, als der RE6 jetzt alle zwei Stunden in Wustrau-Radensleben hält. Egal ob mit oder ohne Halt – die Ankunftszeit in Hennigsdorf ändert sich dadurch nicht.

Fakten zum Ausbau des Prignitz-Expresses

Die Strecke zwischen Velten und Neuruppin soll zwischen Juli 2025 und Sommer 2026 ausgebaut werden. Dazu wird der Abschnitt Kremmen-Neuruppin bis Mitte April 2026 voll gesperrt.

Zwischen Velten und Neuruppin werden neun Bahnsteige auf eine Länge von 145 Meter ausgebaut. Kremmen erhält einen zusätzlichen Bahnsteig.

Überdachungen auf Bahnsteigen sind nicht geplant. Die Reisenden müssen mit Wetterschutzhütten vorliebnehmen.

Zwischen Kremmen und Beetz-Sommerfeld wird die Strecke zweigleisig ausgebaut. Die bestehenden Schienen werden ebenfalls erneuert.

Im Bereich Kremmen werden drei Bahnübergänge ausgebaut. Dabei kommt es auf der L19 für fünf Tage zu einer Vollsperrung, ferner wird der Verkehr einspurig an der Baustelle vorbeigeführt.

Die Kremmener Bahnbrücke über den Ruppiner Kanal wird erneuert.

Je nach Lärmbelastung werden teilweise Lärmschutzwände installiert. Einige Häuser bekommen passiven Lärmschutz, indem zum Beispiel entsprechende Fenster eingebaut werden.

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