Velten und die Hass-Mails an die Bürgermeisterin (2)

OGA vom 28. Dezember 2023 OBERHAVEL

Politikerin mit Hass-Mails bedroht

Anfeindung

Erstmals spricht Veltens Bürgermeisterin Ines Hübner darüber, wie sie die Angriffe erlebt hat und damit umgeht.

Von Roland Becker

Velten. In der Erklärung heißt es: „Wir sind entsetzt und erschüttert, wie mit plumpen Propaganda-Methoden gegen Menschen gehetzt und der Ruf unserer Stadt nachhaltig geschädigt wird – und das von rechtsextremen Parteien zu Wahlkampfzwecken.“

Gut zehn Tage nach der Veröffentlichung sagt Ines Hübner: „Ich denke mal, das ist ein sehr schönes Signal für die Außenwelt, auch an die Veltener, dass es hier so eine gemeinsame Erklärung gibt.“

Marcel Siegert war einer der ersten, der der Bürgermeisterin seine Solidarität versichert hat. In den Tagen darauf, so Hübner, habe sie auch viel Zuspruch in Velten und weit über die Stadt hinaus erhalten: „Ich habe viel Positives erfahren können. Das hat mir auch den Rücken gestärkt.“ Die Bürgermeisterin ist sich sicher, dass dazu auch die lokale und regionale Berichterstattung beigetragen hat: „Das hat die Menschen sicherlich nochmal ein bisschen aufgerüttelt.“

Ob auf der Straße oder beim Einkauf in Geschäften – viele Veltenerinnen und Veltener haben ihr gegenüber nicht nur Mitgefühl ausgedrückt, sondern auch Abscheu gegen diese Form rechtsextremer Propaganda. Dass die Bürgermeisterin einer Kleinstadt bedroht wird, habe viele bewegt. Mehrfach hat sie zu hören bekommen: „Das kann doch nicht sein. Wir sind doch nicht in Berlin oder Köln.“ In keinem Fall habe sie den Hass, der ihr schriftlich begegnet ist, auf der Straße erlebt.

Was aufgefallen ist: Solidaritäts-Noten für Ines Hübner blieben von offizieller Seite aus. Weder die SPD noch die Bürgermeister-Runde in Oberhavel ließen ein Statement verlauten. Auch der Landesvorstand der SPD sowie deren Vorsitzender, Ministerpräsident Dietmar Woidke, meldeten sich offiziell nicht zu Wort. Das heißt aber nicht, dass die Partei nicht hinter Ines Hübner steht, die auch stellvertretende SPD-Landesvorsitzende ist.

Hilfe und Beistand bekommt sie eher im Stillen. Und der reicht vom SPD-Ortsverein über die Bürgermeister der Nachbargemeinden bis zum Landesvorstand. Dessen SPD-Generalsekretär David Kolesnyk drückt das so aus: „Jede gewünschte Unterstützung steht bereit.“ Diesem Nachrichtenportal gegenüber sagte er, dass die Angriffe auf Ines Hübner auch solche auf die SPD in Brandenburg sind.

Es komme immer öfter vor, so Kolesnyk, „dass gerade aus dem demokratiefeindlichen Bereich Fake-News verbreitet werden, um Leute zu beschädigen“. Hier treffe es „eine super Bürgermeisterin, die sich jeden Tag für Velten einsetzt und die Dinge klar ausspricht“. Auch er betont die Bedeutung der gemeinsamen Erklärung mit Stadtparlaments-Chef Marcel Siegert: „So etwas ist nicht selbstverständlich.“

Zu den praktischen Hilfen, die Hübner zum Beispiel bei der Feier „30 Jahre Oberhavel“ angeboten wurden, zählte auch das Angebot eines Bürgermeisters, seiner Amtskollegin im eigenen Haus vorübergehend einen Arbeitsplatz anzubieten.

Dass es keine offiziellen Statements gab, dürfte auch damit zusammenhängen, dass nicht noch weiteres Öl ins Feuer gegossen, der Skandal nicht noch weiter eskalieren sollte. Die Macher von Compact kümmert das allerdings nicht. Sie legten nochmals nach.

Im gleichnamigen Magazin wird in einem „Flucht in die Opferrolle“ überschriebenen Beitrag Hübner vorgeworfen, von den in den Augen von Compact eigentlichen Problemen abzulenken, sich selbst in den Mittelpunkt zu rücken und als Opfer darzustellen. Schon das Hissen einer Fahne am Internationalen Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen wird von Compact-Autor Paul Klemm als Hübner-Propaganda eingestuft. Der Beitrag endet mit dem Satz: „Veltens rote Königin wahrt den schönen Schein.“ Über den Inhalt der Hass-Mails schweigt der Autor des rechtsextremen Mediums freilich.

Derweil teilt Dörte Röhrs, Sprecherin der Polizeidirektion Nord in Neuruppin, mit, dass die Ermittlungen zu den Hass-Kommentaren gegen Ines Hübner fortschreiten. Noch sei es aber nicht an der Zeit, über Ergebnisse berichten zu können.

Was die Hass-Kampagne auslöste

● Seit Herbst 2023 verbreiten AfD und Robert Wolinski (Die Heimat/ehemals NPD) in Statements und Anträgen im Stadtparlament ihre Ansicht, dass Velten von kriminellen ausländischen Banden beherrscht wird, die vor allem im Bahnhofsumfeld für Überfalle, Angst und Schrecken sorgen.

● Vonseiten der Polizei wird nicht bestritten, dass es einzelne Straftaten gab, an denen Migranten beteiligt waren. Von Banden, einer erhöhten Kriminalität und Angst-Räumen in Velten könne aber nicht die Rede sein.

● Das Magazin Compact TV griff die Vorwürfe der AfD auf und veröffentlichte wenige Tage vor der Sitzung des Stadtparlaments am 5. Dezember einen 30-minütigen Beitrag. Titel der Sendung: „Araber tyrannisieren deutsche Schüler“. Der Vorwurf: Die Bürgermeisterin schaue bei Gewalt von Migranten weg.

● In der Folge gingen im Rathaus mindestens zehn Hass-Mails ein, die auch Drohungen gegen Hübner enthielten. Sie hat Strafanzeige gestellt.

Velten und die Hass-Mails an die Bürgermeisterin (1)

Information an die AfD und deren Anhänger und Mitläufer:

So geht Demokratie nicht!

OGA vom 28. Dezember 2023 TITELSEITE

Hass-Mails – so geht Veltens Bürgermeisterin damit um

Bedrohung

Nach einem Beitrag des als rechtsextrem geltenden Compact TV setzte Anfang Dezember 2023 eine Hass-Tirade gegen Ines Hübner ein. 

Von Roland Becker

Es waren Tage, die Bürgermeisterin Ines Hübner (SPD) in ihrer 14-jährigen Amtszeit so noch nicht durchstehen musste. Nach einem Beitrag von Compact TV, einem Ableger des vom Bundesverfassungsschutz als rechtsextremistisch eingeschätzten Magazins Compact, gingen bei ihr mindestens zehn Hass-Mails ein, in denen sie beschimpft und bedroht wurde.

In den ersten Tagen danach wollte sich Ines Hübner zu der gegen sie ausgelösten Kampagne nicht äußern und beließ es bei schriftlichen Statements. Wenige Tage vor Weihnachten hat sie dieses Schweigen gebrochen und sich auf Nachfrage dazu geäußert, was die Anfeindungen in ihre ausgelöst haben und wie sie damit umgeht.

Am Ende eines Gesprächs, in dem es zuvor vorrangig um andere, Veltens Stadtentwicklung betreffende Themen ging, kommt Ines Hübner auf Nachfrage auf die Hass-Mails zu sprechen. Dabei entsteht bald der Eindruck, dass sie zurückhaltend agiert, nicht zu viel davon preisgeben will, was sie in ihrem Inneren noch immer beschäftigt.

„In den ersten Tagen war ich schon betroffen. Da waren auch so Angstmomente da“, schildert sie ihre damaligen Gefühle. Jetzt nehme die Angst mit jedem Tag ab. „Und Angst ist ein schlechter Berater“, fügt sie hinzu. Dass die Wunden dennoch längst nicht geheilt sind, lassen Sätze wie dieser erahnen: „Mit jedem Tag tritt mehr und mehr Ruhe ein. Ich hoffe auf Weihnachten, wo man auch nochmal eine gewisse Auszeit hat.“

In den ersten und schlimmsten Tagen sei sie auch von ihrem Team im Rathaus getragen worden. Die Hass-Mails waren nur die Spitze des Eisbergs. Rathaussprecherin Stefanie Steinicke-Kreutzer verweist darauf, dass unter dem Compact-Beitrag weit mehr als 2000 Kommentare standen. „Jetzt hat es sich bei uns erstmal beruhigt“, sagt sie und meint damit, dass der Shitstorm abgeflaut ist.

Mit einem klaren „Nein!“ beantwortet Ines Hübner die Frage, ob sie in jenen Tagen Anfang Dezember den Gedanken gehabt hat, ihr Bürgermeisteramt aufzugeben? „Diese Überlegung, mich zurückzuziehen, kam für mich nicht infrage.“ Schließlich sei sie für acht Jahre – die Amtszeit endet Anfang 2026 – gewählt worden. „Das ist für mich eine große Verantwortung und Verpflichtung den Bürgern gegenüber.“

Es sei für sie auch keine Option gewesen, sich wegen der psychischen Belastung krankschreiben zu lassen. Stattdessen hat sie versucht, „offensiv mit dieser Problematik umzugehen“. Geholfen habe ihr unter anderem der Zuspruch, den sie in Velten erfahren hat. An dieser Stelle kommt sie auf die am 7. Dezember gemeinsame verfasste Erklärung zu sprechen, die auf Initiative von Stadtverordnetenvorsteher Marcel Siegert (Pro Velten) zustande kam. „Er ist auf mich zugekommen. Ich war davon sehr positiv angetan.“ Das Schreiben zweier politischer Konkurrenten, die sich auch im Bürgermeisterwahlkampf 2017 nichts geschenkt hatten, beinhaltet deutliche Worte.

Darin wird der Beitrag von Compact TV mit scharfen Worten kritisiert und die dadurch ausgelöste Hetzkampagne verurteilt. Gemeinsam verurteilen beide auch jede Form von Ausländerfeindlichkeit.

Was die Hass-Kampagne auslöste

Seit Herbst 2023 verbreiten AfD und Robert Wolinski (Die Heimat/ehemals NPD) in Statements und Anträgen im Stadtparlament ihre Ansicht, dass Velten von kriminellen ausländischen Banden beherrscht wird, die vor allem im Bahnhofsumfeld für Überfälle, Angst und Schrecken sorgen.

Vonseiten der Polizei wird nicht bestritten, dass es einzelne Straftaten gab, an denen Migranten beteiligt waren.

Von Banden, einer erhöhten Kriminalität und Angsträumen könne in Velten aber nicht die Rede sein.

Das Magazin Compact TV griff die Vorwürfe auf und veröffentlichte vor der Sitzung des Stadtparlaments am 5. Dezember einen 30-minütigen Beitrag. Titel der Sendung: „Araber tyrannisieren deutsche Schüler“. Der Vorwurf: Die Bürgermeisterin schaue bei Gewalt von Migranten weg.

In der Folge gingen im Rathaus mindestens zehn Hass-Mails ein, die auch Drohungen gegen Hübner enthielten. Sie hat Strafanzeige gestellt.

Der Wolf in Brandenburg – die einen wollen ihn schützen, die anderen erschießen – gibt es vielleicht noch einen anderen Weg?

OGA vom 16. Dezember 2023 BRANDENBURG

Dritter Anlauf gerät ins Stocken

Regelung

Brandenburgs Umweltminister Axel Vogel ist zweimal mit einem neuen Jagdgesetz gescheitert. Jetzt blockiert der Wolf die Novelle. Ministerpräsident Woidke erwartet, dass das Raubtier ins Jagdrecht aufgenommen wird.

Von Ulrich Thiessen

In der Landespolitik von Brandenburg wirft die Wahl im September 2024 ihre Schatten voraus. Die Parteien nehmen die mitgliederstarken Interessengruppen in den Blick. Bei der brandenburgischen SPD gehören die Landnutzer und die Jäger traditionell dazu. Und denen soll eine seit langem erhobene Forderung erfüllt werden: die Aufnahme des Wolfes ins Jagdgesetz.

Das Gesetz versucht Umweltminister Axel Vogel (Grüne) bereits zum dritten Mal zu novellieren. Die ersten beiden Entwürfe sind krachend gescheitert, unter anderem daran, dass die Jägerschaft gezwungen werden sollte, mehr Rehe und Hirsche zu schießen, damit sich junge Laubbäume ohne Befraß überall im Land vermehren können. Außerdem sollte der Einfluss der Jagdpächter zurückgedrängt werden.

Wie mit dem geschossenen Wolf und der Trophäe umzugehen wäre, ist auch noch unklar.

Inzwischen liegt ein dritter Entwurf vor, der mit den Landnutzern, die im Forum Natur organisiert sind, schon besprochen wurde. Auch wenn deren Wünsche nicht alle eingearbeitet wurden und die Landnutzer immer noch protestieren, könnte das Papier eigentlich auf den Weg gebracht und an die Ministerien zur Mitzeichnung verteilt werden. Das ist aber noch nicht passiert, wie Axel Vogel gegenüber dieser Zeitung einräumte.

Der Grund dafür: Die Staatskanzlei erwartet, dass der Wolf wie bereits in Sachsen und Niedersachsen auch in Brandenburg ins Jagdrecht aufgenommen wird. „Das wird mit mir nicht passieren“, erklärt Vogel dazu. Schließlich ist das nicht Teil der 2019 geschlossenen Koalitionsvereinbarung. In letzter Konsequenz gäbe es dann eben kein neues Jagdgesetz und bei den nächsten Koalitionsverhandlungen, wer immer die im Herbst 2024 führt, müsste darüber neu verhandelt werden.

Spannend ist die Frage, was sich mit der Aufnahme des Wolfes ins Jagdgesetz ändern würde. Für das graue Raubtier erst einmal gar nichts. Er ist so oder so eine streng geschützte Tierart. Zumindest so lange, bis Deutschland gegenüber der EU den sogenannten guten Erhaltungszustand der Art erklärt und dann Maßnahmen zur Bestandsregulierung – sprich dem gezielten Abschuss – ergriffen werden könnten, wie es die meisten Bauern und Jäger fordern. Aber das ist derzeit noch nicht in Sicht. Henrik Wendorff, Präsident des Landesbauernverbandes, plädiert dafür, dass man aber jetzt schon mal die Voraussetzung schaffen sollte, damit die Jäger dann regulierend in die Bestände eingreifen können.

Für den Landesjagdverband hätte die Aufnahme ins Jagdgesetz den Vorteil, dass der Jäger dann pro Forma auch für diese Art zuständig wäre und entsprechende Mitspracherechte bekäme. Außerdem wäre es leichter und rechtlich sicherer, angefahrenen Wölfen den Gnadenschuss zu geben.Axel Vogel befürchtet dagegen, dass eine entsprechende Regelung alles komplizierter mache. Wenn ein Wolf, weil er Nutztiere gerissen hat, zum Abschuss freigegeben wird, hätte der zuständige Jäger, in dessen Revier sich der Vorfall ereignete, die Aufgabe, ihn zu schießen. Bislang kann das Landesumweltamt einen Jagdberechtigten mit der Aufgabe betrauen.

Ist der Wolf im Jagdrecht verankert und der zuständige Jäger weigert sich, würde jeder andere Jäger, der das Raubtier schießt, quasi Wilderei begehen. Laut Vogel könnte alles bürokratischer werden. Geklärt werden muss dann auch, wie mit dem geschossenen Wolf und der Trophäe umzugehen ist. Bei Tieren, die im Jagdrecht stehen, gehören diese dem Jäger, jetzt im Falle des Wolfes dem Landesumweltamt.

Jagdrecht hin oder her, der Abschuss von sogenannten Schadwölfen soll bundesweit erleichtert werden. Darauf haben sich die Umweltminister der Länder mit dem Bund Anfang Dezember geeinigt. Demnach sollen sogenannte Schnellabschüsse möglich sein, wenn ein Wolf „zumutbar geschützte“ Nutztiere gerissen hat. Und das schon beim ersten Mal.

Bislang galt in Brandenburg, dass Schutzzäune mehrfach überwunden werden mussten, bevor ein Abschuss angeordnet werden konnte. Außerdem musste genetisch festgestellt werden, dass es sich bei wiederholten Rissen um denselben Wolf handelte. Das entfällt künftig. Die Abschussgenehmigung soll unbürokratisch und kurzfristig erteilt werden und für einen Radius von 1000 Metern um die Weide für drei Wochen gelten.

Im Landtag stellte Axel Vogel klar, dass die neuen Regelungen nicht ohne Tücken sind. Dazu muss eine neue Wolfsverordnung erarbeitet werden. Zu klären ist dabei, wo die neue Regelung gelten soll. Im Papier der Umweltminister ist von klar definierten „Gebieten mit erhöhten Wolfsrissen“ die Rede. Laut Vogel ist so eine Definition in Bayern mit seinen zwei Rudeln und zwei Wolfspärchen einfach. In Brandenburg wurden 2022 genau 62 besetzte Wolfsreviere registriert. Darum stelle sich hier die Frage, ob nicht das ganze Land als ein solches Gebiet definiert werden muss.

Rinderherde als Kälber-Schutz

Auch der zumutbare Herdenschutz muss neu definiert werden. Bislang wird in Brandenburg unter Schutz ein elektrischer Zaun von 1,20 Metern Höhe oder ein 90 Zentimeter hoher Zaun beim Einsatz von Herdenschutzhunden verstanden. Das galt in der Regel für Schafs- oder Ziegenherden. Nun muss auch geregelt werden, wie mit Kälbern umgegangen werden soll. Laut Vogel sollen nicht ganze Landschaften „verdrahtet“ werden. Deshalb müssten entweder speziell geschützte Weiden für Mutterkühe und Kälber eingerichtet oder die Herde an sich ab einer bestimmten Größe als Schutz der Jungtiere definiert werden. Vogel kündigte an, mit den Landnutzern ausführliche Gespräche zu führen, bevor die Wolfsverordnung überarbeitet wird.

Eine perfekte Schule…?

OGA vom 16. Dezember 2023 POLITIK

Kompletter Neustart wäre falsch

Bildung

Ein Modell für die perfekte Schule wird es wohl niemals geben – zu groß sind die Unterschiede. Spannend ist die Frage nach optimalen Lernbedingungen dennoch.

Von Michael Gabel

Die Ergebnisse der Pisa-Studie waren ein Schock: Nach zwischenzeitlichen Erfolgen ist das deutsche Schulsystem auf einem noch tieferen Stand als im Jahr 2000, als der internationale Bildungsvergleich zum ersten Mal durchgeführt wurde. Dabei ist Bildung in Deutschland relativ teuer, und die Lehrkräfte verdienen mehr als in den meisten anderen Ländern. Vielleicht fehlt es auf dem Weg zur idealen Schule einfach an guten Ideen beziehungsweise an deren Umsetzung.

Erlanger Schule gewinnt den Deutschen Schulpreis – was ist an ihr so toll? Als die Eichendorffschule im fränkischen Erlangen im Oktober den Deutschen Schulpreis gewann, wurde erst einmal gefeiert. Mit dem Preisgeld von 100.000 Euro wolle man dringend benötigte Dinge anschaffen – wie zum Beispiel zwei 3D-Drucker, sagt Schulleiter Helmut Klemm dieser Zeitung. Das Besondere an der prämierten Schule sind die sogenannten Lernbüros: Jungen und Mädchen bekommen in den Fächern Deutsch, Mathematik und Englisch Lernmaterialien, mit denen sie sich auf jeweils ganz individuelle Weise beschäftigen können. Vorgegeben sind jeweils nur „Bausteine“, die nach und nach bearbeitet werden. Fühlt sich jemand fit genug, um ein Thema abzuschließen, macht er oder sie einen Probetest und bekommt beim Bestehen einen Leistungsnachweis.

Pädagoge Klemm will damit, wie er sagt, „den Kindern ihr Lernen wieder zurückgeben“. Bei der 2015 begonnenen Reform habe sich die Schule vorgenommen, dass Lehrkräfte weniger Stoffvermittler als Lernbegleiter beziehungsweise Coaches sein sollen: selbstbestimmtes Lernen mit von der Schule vorgegebenen, möglichst breit aufgestellten Leitplanken. Zum Unterrichtsprinzip gehören auch sogenannte Frei Days, an denen Beiträge zu selbstgewählten Themen erarbeitet werden. Im vergangenen Schuljahr lautete das Thema „Kein Hunger“ – nachgeforscht wurde unter anderem, wie in der schuleigenen Kantine mit Essensresten umgegangen wird.

Alles auf Anfang, um zur „idealen Schule“ zu gelangen? Das wäre der völlig falsche Ansatz, warnt der Hamburger SPD-Politiker Ties Rabe, der mit dem Stadtstaat im deutschlandweiten Bildungsvergleich einen großen Sprung nach vorn gemacht hat. Die Forderung nach einem kompletten Neustart des Schulwesens sei „die beste Methode, um den Karren an die Wand zu fahren“, sagt er. „Man kann ein System, das fünfmal so groß ist wie die Bundeswehr, 26 Millionen Schüler und Eltern betrifft und jeden Tag auf Hochtouren läuft, nicht mal eben komplett anhalten und neu sortieren.“ Der beste Weg für eine erfolgreiche Schulpolitik sei „Evolution statt Revolution“ – also „das Drehen an vielen Stellschrauben“.

Viele haben Angst vor Mathematik – wie lässt sich das ändern? Die jüngste Pisa-Auswertung hat gezeigt: Bei vielen der getesteten 15-Jährigen herrscht großer Frust über die aus ihrer Sicht trockene Art und Weise der Wissensvermittlung.

Der Erlanger Pädagoge Klemm sagt von sich selbst, ihm sei das früher ganz ähnlich gegangen. In der von ihm geleiteten Schule wird deshalb ein anderer Ansatz verfolgt. Dort gibt es für Fünft- und Sechstklässler einen „Raum der Mathematik“. Als „handlungsorientiertes“ Unterrichtsmaterial dient dort zum Beispiel Schokolade in Form von Dreiecken, Quadraten und Würfeln. Außerdem setze man zusätzliche pädagogische Kräfte ein, die zum Teil aus der Schule zur Verfügung stehenden Mitteln bezahlt werden.

In welchem Alter sollte es mit dem Lernen losgehen? Hamburg hat seine Erfolge unter anderem damit erzielt, dass dort verpflichtende Sprachfähigkeitstests für Viereinhalbjährige eingeführt wurden – ganz gleich, ob diese Kinder eine Kita besuchen oder nicht. Ergeben sich dabei Hinweise auf einen Förderbedarf, wird den Eltern „dringend geraten“, ihr Kind in eine Art Vorschule zu schicken. Dazu gezwungen werden können die Eltern zwar nicht. Aber laut Hamburger Sprachförderkonzept werden „die Eltern darauf hingewiesen, dass ihr Kind vom Schulbesuch zurückgestellt werden kann“. Noch einen Schritt weiter will die Bundes-CDU gehen. Im Entwurf für ihr neues Grundsatzprogramm heißt es, Kinder mit festgestelltem Förderbedarf sollten „vor der Einschulung verpflichtend zur Kita oder in die Vorschule“.

Was kann Deutschland von Estland lernen? Das wohlhabende Deutschland im Mittelfeld, das weitaus ärmere Estland bei den europäischen Ländern auf Platz eins – ein blamables Ergebnis ist das für die hiesige Bildungspolitik. Im Wesentlichen sind es drei Dinge, die in Estland anders und damit offenbar besser gemacht werden als in Deutschland: Zum einen werden Schulkinder dort wesentlich stärker individuell gefördert. Zum anderen können Lehrkräfte den Unterricht stärker an die Bedürfnisse ihrer Klasse anpassen als in Deutschland, wo der Lehrplan eine weitaus größere Rolle spielt. Und drittens: In Estland gehen zwei Drittel aller Zweijährigen in eine Vorschule und lernen dort bei Bedarf wie selbstverständlich die estnische Sprache. Hört sich das nach einer Mischung aus dem Erlanger und dem Hamburger Modell an? Durchaus, aber was in Deutschland häufig auf Initiative Einzelner geschieht, ist in Estland staatliche Vorgabe.

Wie wichtig sind in der „idealen Schule“ besondere Angebote wie Astronomie oder Chinesisch? Mit dem Weltraum-Teleskop ins All schauen, nachmittags Chinesisch lernen – für manche Kinder und Eltern kommt das dem Traum von der perfekten Schule sehr nahe. Der Erlanger Schulleiter sagt über solche Angebote: „Warum nicht? Wenn die Möglichkeit dazu besteht.“ Aber alles werde man auch in einer idealen Schule nicht unterbringen. Er favorisiere Schulkonzepte, die mit einem gewissen Aufwand auch tatsächlich flächendeckend umzusetzen wären und wolle keine „Wolkenkuckucksheim-Traumschule auf einer Insel“.

PISA-Studie und die richtigen Schlüsse?

OGA vom 14. Dezember 2023 BRANDENBURG

Sieben Aufträge an Woidke

Pisa-Schock

Der Landeselternrat Brandenburg verschärft die Gangart gegenüber der Regierung. Ein Anlass sind die Studien-Ergebnisse.

Von Mathias Hausding

Der Ton ist freundlich, aber in der Sache nehmen die Eltern kein Blatt vor den Mund. Sie haben den Eindruck, dass in Brandenburg trotz desolater Lage in der Bildung ein „Weiter so“ vorherrscht, dass sich die Koalition auf einigen wenigen unzureichenden Maßnahmen ausruht.

Deshalb wendet sich der Landeselternrat (LER) jetzt mit einem offenen Brief direkt an Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD). Er persönlich möge sich den schlechten Lernergebnissen, dem immer dramatischeren Lehrermangel und weiteren massiven Problemen an den Schulen widmen. „Wir bitten Sie eindringlich, das Thema Schulbildung in Brandenburg auf Ihren Tisch zu ziehen und jetzt zur Chefsache zu machen“, schreibt Ulrike Mauersberger, die Vorsitzende des Landeselternrats.

Einer der Kritikpunkte: Ein Psychologe für 8000 Schüler reicht nicht.

Die Eltern selbst hätten sich viele Gedanken gemacht, was zu tun ist. Sie kommen in dem Brief auf sieben Maßnahmen, die dringend in die Wege geleitet werden müssten.

1. Realistische Zahlen als Grundlage. Nötig sei eine ehrliche Bestandsaufnahme. Wie viele angehende Lehrkräfte brechen das Studium ab? Wie viele Pädagogen gehen wann in Pension? Darauf aufbauend müsse der Bedarf an Studienplätzen in Brandenburg ermittelt werden, und dann seien diese Plätze zwingend auch zur Verfügung zu stellen.

2. Absenken des Numerus Clausus für das Lehramtsstudium. Für Seiteneinsteiger gebe es diese Vorauslese schließlich auch nicht. Das Studium müsse dringend verkürzt und praxisnäher gestaltet werden, fordern die Eltern. Auch sollte es möglich sein, das Studium mit nur einem Fach zu beenden, um junge Lehrkräfte schneller an die Schulen zu bringen.

3. Halten junger Lehrkräfte in Brandenburg. Der LER regt Verbeamtung schon im Studium an sowie die Möglichkeit freiwilliger Mehrarbeit mit Vergütung oder dem Ansparen der erbrachten Stunden auf Langzeitkonten.

4. Vermitteln der Basiskompetenzen.Maßnahmen wie das „Leseband“ sollten an allen Grundschulen Pflicht sein, damit die Schüler überall die gleichen Chancen haben. 15 bis 20 Minuten an vier bis fünf Tagen pro Woche sollen Schülerinnen und Schüler demnach vor allem an Grundschulen konzentriert und gemeinsam lesen.

5. Schaffung von multiprofessionellen Teams. Um Lehrkräfte zu entlasten und Schülern Hilfen anbieten zu können, sollen Gesundheitsfachkräfte, Sozialarbeiter und Schulassistenzkräfte an jeder Schule Standard sein.

6. Mehr Schulpsychologen. Es werde noch immer zu wenig getan, um der gewachsenen Zahl von Schülern mit psychologischem Unterstützungsbedarf zu helfen. „Ein Psychologe für 8.000 Schüler stellt keine hinreichende Versorgung dar“, mahnt der LER.

7. Digitalisierung des Unterrichts. Landesweit müsse an den Schulen endlich leistungsfähiges Internet angeboten werden. Nötig sei auch die Ausstattung mit digitalen Endgeräten. Nur so könne man neue Wege gehen, etwa Hybridunterricht anbieten statt Unterrichtsausfall.

Die Elternvertreter bieten Dietmar Woidke bei der Umsetzung der Maßnahmen ihre Unterstützung an. „Der Landeselternrat ist sehr an einer konstruktiven Zusammenarbeit interessiert, aber ohne Ihre Unterstützung und ohne, dass Sie diesem Vorhaben Priorität einräumen, wird das nicht funktionieren“, gibt die LER-Vorsitzende zu bedenken.

Es bestehe akuter Handlungsbedarf. „Ein inakzeptabel hoher Anteil unserer Schülerinnen und Schüler kann nicht richtig lesen, versteht Texte und Zusammenhänge nicht, rechnet schlecht und ist nicht in der Lage, das gelernte Wissen in den Alltag zu transferieren“, erklärt Ulrike Mauersberger mit Verweis auf die jüngsten Testergebnisse. „Hinzu kommen Berichte von Schuleltern in diesem Land, die von massiven Unterrichtsausfällen, von Unterrichtseinheiten von fachfremden Lehrkräften über lange Zeiträume, von übervollen Klassenräumen und steigender Gewalt in Schulen berichten.“


Anmerkung:

„Ein inakzeptabel hoher Anteil unserer Schülerinnen und Schüler kann nicht richtig lesen, versteht Texte und Zusammenhänge nicht, rechnet schlecht und ist nicht in der Lage, das gelernte Wissen in den Alltag zu transferieren“, erklärt Ulrike Mauersberger mit Verweis auf die jüngsten Testergebnisse.

Sind es denn immer die Schulen, die fehlenden Lehrer, die fehlenden Psychologen? Was ist eigentlich mit der Betrachtung der Elternhäuser der Kinder, vor allem der auffälligen?

Wie verbringen die SuS ihre Freizeit? Werden die kids und Jugendlichen seitens der Eltern unterstützt? Sind nicht die sozialen Medien, Facebook, Instagram, TikTok u.a. diejenigen, die den größten Einfluss haben? Wie wird die Rechtschreibung und der Ausdruck in Chatverläufen bewertet?

Die Politiker, die Verantwortlichen der Schulen, die Lehrer auch die Technikausstattung kann noch so toll sein, wenn die SuS ihre Lernmittel beschmutzen, beschädigen oder gar zerstören (Gegenstände von hinten in den Computer gesteckt), die Tasten aus den Tastaturen popeln, Essensreste in CD-Player stecken oder die digitalen Tafeln anspucken und beschmieren – daran sind die Bedigungen schuld, oder eher die Sozialisation aus dem Elternhaus?

Die AfD versucht es immer und überall die freiheitliche, demokratische Rechtordnung zu unterwandern

OGA vom 13. Dezember 2023 TITELSEITE

Joachim Radke fliegt aus Sitzung der Stadtverordneten

Eklat

Der AfD-Politiker musste die Zusammenkunft am Montag vorzeitig verlassen. Reagiert wurde damit auf Äußerungen des Vize-Fraktionschefs.

Von Stefan Zwahr

Mit zweifelhaften Äußerungen in der politischen Diskussion sorgte der AfD-Politiker Joachim Radke schon in der Vergangenheit für Schlagzeilen. Nun gab es Konsequenzen: Dirk Blettermann (SPD), Vorsitzender der Stadtverordnetenversammlung (SVV) von Oranienburg, warf den stellvertretenden Chef der AfD-Fraktion am Montagabend während der Sitzung aus der Orangerie.

Bei der letzten Sitzung des Stadtparlamentes in diesem Kalenderjahr handelte sich Radke zunächst eine Verwarnung ein – um knapp 45 Minuten später des Saales verwiesen zu werden.

Zunächst missfielen dem SVV-Vorsitzenden Aussagen, die Radke in seinem Redebeitrag zur von der AfD angestrebten Reduzierung des Grundsteuer-Hebesatzes getätigt hatte. Der Abgeordnete der Rechtspopulisten – der im Juni 2023 mit Aussagen im Hauptausschuss, von denen sich andere Abgeordnete bedroht fühlten, für Empörung gesorgt hatte – betonte dabei, dass es in Deutschland genug Steuern geben würde. „Wir hatten im vergangenen Jahr, glaube ich, das höchste Steuereinkommen seit Bestehen der Bundesrepublik.“ Das Problem sei nicht, „dass den Leuten nicht genug Geld aus der Tasche gezogen wird“, sondern, dass es unzweckmäßig eingesetzt werde „und teilweise in Kanäle wandert, die dem Bürger nicht mehr zugutekommen“.

Relativierende und verstellende Aussagen bitte ich ausdrücklich zu rügen.

Enrico Geißler (Linke) Stadtverordneter

Blettermann ließ das nicht unkommentiert. Es entspreche nicht der Wahrheit, dass Geld in Kanäle gepumpt werde, die für den Steuerzahler nicht nachvollziehbar seien. „Ich verwahre mich dagegen und bitte, die Wortwahl genau zu beachten.“ Der SPD-Politiker hatte vorher den Satz „Ich verwarne sie hiermit“ eingebaut. Die Fortsetzung folgte beim Tagesordnungspunkt „würdige Neugestaltung des Gedenkortes zum KZ Oranienburg“. Radke – dessen Landesverband vom Verfassungsschutz Brandenburg seit 2020 als rechtsextremistischer Verdachtsfall eingestuft wird – ließ verlauten: „Aus unserer Sicht ist es wirklich wichtig, an den totalitären linken Nationalsozialismus mit seinen Untaten zu erinnern.“ Aufgrund dieser historischen Bedeutung sei der Antrag nicht abzulehnen.

Enrico Geißler, der Die Linke als Kreisvorsitzender führt, war fassungslos. „Wenn hier irgendwas von linkem Nationalsozialismus geredet wird, ist das tatsächlich eine Relativierung des Nationalsozialismus. Ich weiß nicht, ob das Worte sind, die in diesem Hause angemessen sind im Umgang mit anderen Fraktionen oder anderen Positionen.“ Der Nationalsozialismus und die Massenvernichtung der europäischen Juden während der nationalsozialistischen Herrschaft seien unvergleichlich. „Solche relativierenden und verstellenden Aussagen bitte ich ausdrücklich zu rügen. So geht es einfach nicht!“

Und wieder ist es Velten….

OGA vom 09. Dezember 2023 OBERHAVEL

Bürgermeisterin Ines Hübner beleidigt und bedroht

Extremismus

In einem Beitrag des als rechtsextrem eingestuften Magazins Compact wird Velten als Hort einer von Ausländern initiierten Kriminalität dargestellt.

Von Roland Becker

Dass Stadtverordnetenvorsteher Marcel Siegert (Pro Velten) und Bürgermeisterin Ines Hübner (SPD) eine gemeinsame Erklärung verfassen, ist ein fast einmaliger Vorgang. Genau das ist am Donnerstagabend  geschehen. Die Sitzung des Stadtparlaments von Velten begann außergewöhnlich.

Siegert kündigte einen ungewöhnlichen Schritt an, für den er die Öffentlichkeit ausschließen müsse. Als die Sitzung nach etwa 15 Minuten öffentlich fortgesetzt wurde, erfuhr diese Öffentlichkeit aber nicht, was inzwischen beraten und beschlossen wurde.

Wir verschließen in unserer Stadt nicht die Augen vor Gewalt.

Nach Informationen dieser Redaktion sollen Mitarbeiter des Magazins Compact zur Stadtverordnetenversammlung gekommen sein, um dort Aufzeichnungen – etwa per Video, Foto oder Ton – zu fertigen. Siegert hatte dies zuvor erfahren und sich mit der Bürgermeisterin vor der Sitzung über ein gemeinsames Vorgehen abgestimmt. Demnach beschlossen die Abgeordneten nichtöffentlich, dass an diesem Abend die Geschäftsordnung dahingehend ausgesetzt wird, dass keine Aufnahmen getätigt werden dürfen. Dem sollen alle anwesenden Stadtverordneten außer Robert Wolinski (Die Heimat/früher NPD) und den zwei AfD-Abgeordneten zugestimmt haben.

Zeitgleich mit dieser Unterbrechung erreichte die Medien besagte gemeinsame Erklärung. Darin heißt es: „Veltens Stadtverordnetenvorsteher Marcel Siegert und die Bürgermeisterin der Stadt, Ines Hübner, verwahren sich mit äußerstem Nachdruck gegen die jüngsten medialen Darstellungen unserer Stadt als Schwerpunkt der Jugendkriminalität. Hier wird gezielt eine Hetzkampagne initiiert, die sich gegen die Stadt Velten, in Persona gegen die Bürgermeisterin, richtet.“

Erwähnt wird, dass es bereits Gewaltandrohungen gegen die Bürgermeisterin gegeben habe. Nach Recherchen dieser Redaktion soll sie zahlreiche Anrufe bekommen haben, in denen sie beleidigt und bedroht wurde. Dabei sollen sinngemäß Sätze wie „Wenn Sie gesund bleiben und länger leben wollen, sollten Sie ruhiger auftreten“ gefallen sein.

Dass Compact auf Velten aufmerksam wurde oder gemacht worden ist, steht in Zusammenhang mit Anträgen der AfD. Diese nutzt seit Monaten tatsächliche und angebliche Gewalttaten, um im Stadtparlament Stimmung gegen Migranten zu schüren.

In dem Compact TV-Beitrag wird Velten als Hort einer von Ausländerbanden initiierten Kriminalität dargestellt. Siegert und Hübner schreiben dazu: „Der Beitrag über Velten in einem als rechtsextrem vom Verfassungsschutz eingestuften Propaganda-Medium arbeitet mit Täter-Vorverurteilungen, Mutmaßungen, Falschaussagen, Übertreibungen, Bedrohungen, mit aus dem Zusammenhang gerissenen städtischen Videobeiträgen ohne Quellenangaben.“

Es entstehe der Eindruck, Veltens Bahnhof sei ein Kriminalitätshotspot. Das entspreche nicht der Wahrheit. Dabei erwähnen beide in ihrem Schreiben durchaus, dass in 2023 bei der Polizei einzelne Anzeigen wegen räuberischem Diebstahl und Körperverletzung unter Jugendlichen gestellt wurden. Vereinzelt sei es darüber hinaus zu Auseinandersetzungen gekommen, die nicht angezeigt worden sein sollen.

Zu diesen Vorfällen hatte erst im November Hennigsdorfs Polizeichef Stefan Boye im Ausschuss für Sicherheit und Ordnung detaillierte Angaben gemacht. Außerdem ging er auf die Kriminalitätsstatistik in Velten bis Oktober 2023 ein, die auf Grundlage der angezeigten Straftaten keine Häufung von Raub und Gewalt aufweist.

Siegert und Hübner verwahren sich dagegen, „aus diesen Vorfällen eine Gefährdung der inneren Sicherheit abzuleiten. Vielmehr gefährden die medialen Darstellungen unsere Stadtgemeinschaft und fördern – wie man sieht – die Gewaltbereitschaft.“

Selten hat sich Marcel Siegert so deutlich von aus rechter Gesinnung heraus Angst schürenden Kreisen abgegrenzt wie mit diesem Brief. Gemeinsam mit der Bürgermeisterin erklärt er: „Wir sind entsetzt und erschüttert, wie mit plumpen Propaganda-Methoden gegen Menschen gehetzt und der Ruf unserer Stadt nachhaltig geschädigt wird – und das von rechtsextremen Parteien zu Wahlkampfzwecken.“ Diese Kreise nutzten ausdrücklich die Ängste von Eltern, deren Nachwuchs Opfer einer Straftat wurden, um diese Ängste zu instrumentalisieren.

Für wie brandgefährlich für die Demokratie in Velten die beiden wichtigsten Politiker der Stadt die Compact-Beiträge halten, lässt dieses Statement erkennen: „Wir distanzieren uns ausdrücklich von menschenverachtenden, hasserfüllten und Angst schürenden Darstellungen, die den Boden unserer freiheitlichen Grundordnung verlassen.“

Persönlich fügt Siegert hinzu, dass „es völlig egal ist, woher der Mensch kommt, der einem anderen Leid antut“. Gewalt sei grundsätzlich und nicht nach Herkunft zu verurteilen. Für ihn sind „unser Bahnhof und unsere Stadt alles andere als ein Kriminalitätsschwerpunkt“.

Die Bürgermeisterin sichert zu, dass sie die Vorfälle und die daraus resultierenden Ängste der Eltern sehr ernst nimmt. Das Geschehen werde weiter gemeinsam mit Polizei und Jugendsozialarbeitern beobachtet. Man werde tätig, wenn Fakten vorliegen, nicht aber, wenn Gerüchte gestreut werden.

Beide schließen ihre Erklärung mit dem Statement: „Wir verschließen in unserer Stadt nicht die Augen vor Gewalt – egal, von wem sie begangen wird. Aber wir tolerieren auch keine Ausländerfeindlichkeit und Hetze.“

Laut Wikipedia werden in den Compact-Publikationen regelmäßig verschwörungstheoretische, geschichtsrevisionistische und antisemitische Inhalte verbreitet. Seit Dezember 2021 listet der Bundesverfassungsschutz das Magazin als gesichert rechtsextremistisch. Die Compact-Magazin GmbH trage Positionen und Aussagen in die Öffentlichkeit, die eindeutig als völkisch-nationalistisch sowie minderheitenfeindlich zu bewerten seien.

Neurobiologe Martin Korte über die Nutzung der Handys

OGA vom 07. Dezember 2023 POLITIK

„Wir machen uns ablenkbarer“

Martin Korte

Unsere Konzentrationsfähigkeit sinkt zunehmend, weil wir ständig vor Bildschirmen hängen, warnt der Neurobiologe und Sachbuchautor. Warum er von Verboten trotzdem nichts hält, welchen Ratschlag Eltern befolgen sollten und wieso Langeweile so wichtig ist.

Von Ellen Hasenkamp und Dominik Guggemos

Das riesige Bild hinter Martin Korte sieht auf den ersten Blick aus wie moderne Kunst. Es zeigt aber einen Querschnitt des Gehirns mit bunt eingefärbten Vernetzungen. Der Neurobiologe, das merkt man schon nach wenigen Sätzen, ist fasziniert von seinem Studienobjekt. Das Gehirn muss kontinuierlich Sinnesinformationen verarbeiten und zugleich Erinnerungen speichern. Korte forscht an der TU Braunschweig dazu, welche Mechanismen diese Lern- und Gedächtnisvorgänge ermöglichen – oder auch behindern. Eine besondere Rolle nehmen dabei heutzutage Smartphones als dauerhafter Begleiter der Menschen im Alltag ein. Dass beim Video-Gespräch zwischendurch die Tontechnik der Redakteure verrückt spielt, nimmt der Sachbuchautor gelassen. Bei ihm selbst läuft alles tipptopp.

Herr Korte, müssten auf Handys eigentlich Warnhinweise kleben – so wie auf Zigarettenschachteln?

Interessanterweise hat das Gerät auch dann eine ablenkende Wirkung, wenn es ausgeschaltet vor mir liegt.

Bevor ich zum Smartphone greife, durchatmen und prüfen, ob ich das jetzt wirklich möchte.

Hm … nein. Erstens haben die sich nicht als wirksam erwiesen und zweitens ist Handynutzung doch etwas anders als zu rauchen. Jeder Zug an der Zigarette ist schädlich, während es beim Smartphone davon abhängt, was man damit anfängt.

Trotzdem haben Sie grad kurz gezögert.

Stimmt. Es gäbe durchaus Gründe, zu warnen. Vor allem natürlich vor der mitunter tödlichen Ablenkung im Straßenverkehr. Außerdem können Smartphones schädlich für Sozialbeziehungen und für die Konzentration sein. Und zwar nicht wegen einer ominösen Strahlung, sondern weil es unserem Gehirn nicht guttut, in einen Multitasking-Modus zu fallen.

Gibt es auch gute Bildschirmzeit?

Natürlich. Unsere moderne Welt wäre ohne Computer und Handys undenkbar. Ein TikTok-Video, das die Demokratie der Bundesrepublik anschaulich erklärt, ist wunderbar – ein Film mit Hetzbotschaften nicht. Und: Wenn ich bei der Arbeit das Smartphone nutze, ist das etwas anderes, als wenn ich eigentlich mit meiner Familie beim Abendessen sitze.

Weil es unhöflich ist?

Aus mehreren Gründen. Zum einen konditioniert sich das Gehirn darauf, immer auch auf das zu achten, was es gerade nicht tut. Das bedeutet: Wir machen uns ablenkbarer. Außerdem kostet die technische Nutzung der Geräte Rechenkapazität in unserem Gehirn, unsere Konzentrationsfähigkeit schwindet.

Kann man das messen?

Das gehört zu den Dingen, die wir in der Forschung noch nicht gut verstanden haben: Warum wird so viel unserer eigenen Rechenkapazität abgesaugt, wenn wir diese Technik nutzen? Das ist anders, als wenn zum Beispiel Teenager bei den Hausaufgaben Musik hören. Das können die meist sehr gut verknüpfen. Es ist aber eine Illusion zu meinen, man könne Vokabeln lernen und parallel Social Media bedienen. Es dauert nachweislich doppelt so lange.

Also: Handy bei den Hausaufgaben neben sich legen und ignorieren?

Das reicht nicht. Interessanterweise hat das Gerät nämlich auch dann eine ablenkende Wirkung, wenn es ausgeschaltet vor mir liegt. Tatsächlich ist ein Teil der Kapazität im Stirnlappen, den wir für die Konzentration brauchen, schon allein damit beschäftigt, den Wunsch abzuwehren, doch auf das Handy zu drücken.

Und daraus wurde ein grandioses Geschäftsmodell.

Genau. Und das lautet: Wir zahlen mit unserer Aufmerksamkeit. Die Firmen bekommen ihre Werbeeinnahmen über die Häufigkeit unserer App-Nutzung. Wenn wir dagegen ins Café gehen, bezahlen wir den Kellner dafür, dass er uns den Kaffee bringt und uns ansonsten nicht stört. Wenn der alle zwei Minuten käme, in unseren Taschen kramte, uns von seinem Leben erzählte oder mit Werbeplakaten um den Tisch herumliefe – wir würden da nie wieder hingehen. Aber auf dem Smartphone lassen wir uns das gefallen.

Was wäre die Lösung?

Wie wäre es bei einer App per Monatsabo? Dafür hätten wir die Garantie, genau wie im Café nicht gestört zu werden. Dann müssten die Firmen auch nicht Hunderte von Psychologen anstellen, die uns möglichst abhängig von diesen Geräten machen wollen.

Diese Psychologen nutzen ja offenbar etwas aus, was in unserer Evolution hilfreich gewesen sein muss. Eine Stärke, die jetzt zur Schwachstelle wird.

Unsere Gehirne waren immer darauf ausgerichtet, sich ablenken zu lassen. Denn höchstwahrscheinlich ist der Steinzeitmensch, der eine Stunde auf die Palme geguckt und völlig vergessen hat, was um ihn herum passiert, nicht unser Vorfahre, weil er die Beute fürs Abendessen oder den angreifenden Säbelzahntiger übersehen hat. Unsere Gehirne sind so programmiert, dass wir sozusagen alle 15 bis 30 Sekunden was Neues suchen. Sich nicht ablenken zu lassen, ist dagegen ein relativ neuer neuronaler Mechanismus im Stirnlappen. Wir können tatsächlich die Ablenkbarkeit für eine bestimmte Zeit aktiv unterbinden.

Was erklärt die Faszination Smartphone noch?

Viele Anwendungen sind so gebaut wie die Spielautomaten in Las Vegas. Eine Belohnung kommt immer wieder vor, ist aber nicht sicher. Also: Mal bekommt man ein Like unter seinem Post, mal aber auch nicht. Manche Firmen halten den „Daumen hoch“ sogar künstlich zurück, und unser auf Belohnung programmiertes Gehirn veranlasst uns dann, wieder und wieder nachzuschauen. Das kann bis zur Sucht gehen. Und schließlich sind wir nun mal soziale Wesen – und in den sogenannten sozialen Medien werden wir mit anderen verbunden. Zum Teil funktioniert das auch.

Wieso nur zum Teil?

Es ist erwiesen, dass das Gehirn die Anwesenheit einer dreidimensionalen Person im selben Raum bevorzugt. Eine große Studie aus den USA hat gezeigt, dass 15-Jährige sich noch nie so einsam gefühlt haben wie heute – und die Untersuchung war 2017, also vor der Pandemie. Es gibt noch eine tolle Messung: Bei Müttern und Töchtern in einem Raum konnte man zeigen, wie sich die Rhythmen der Gehirnaktivität miteinander synchronisieren. Diese Art der Synchronisation hat sich bei einem Videotelefongespräch nicht eingestellt.

Unsere Gehirne sind also noch auf Steinzeitstand. Können wir biologisch aufholen und irgendwann besser mit den Anforderungen der digitalen Jetztzeit fertig werden?

Es dauert rund 40.000 Jahre, bis unsere Gehirne sich genetisch maßgeblich ändern. Ich würde lieber der Evolution vertrauen: Es gibt gute Gründe, warum gerade die Eingangspforte unseres Gehirns, also das Arbeitsgedächtnis, relativ klein ist. Arbeitsspeicher haben nämlich einen riesigen Energieaufwand – das ist trotz unterschiedlicher Funktionsweise im Gehirn nicht anders als im Smartphone. Auch da zahlt man für mehr Kapazität erheblich drauf, und diese frisst mehr Batterie. Außerdem ist es evolutionär offenbar erfolgreich gewesen, Wichtiges von Unwichtigem zu trennen.

Kann man messen, dass Konzentrationsfähigkeiten nachlassen?

Ja. Es gibt eine große Studie aus China bei Grundschulkindern, die ganz klar zeigt: Die Sprachareale haben sich bei den Kindern, die viele Stunden vor dem Smartphone- oder Tabletbildschirm verbracht haben, deutlich schlechter entwickelt als bei der Vergleichsgruppe. Man erkennt auch bei standardisierten Tests, die seit Jahrzehnten eingesetzt werden, dass die Konzentrationszeiten sich verkürzt haben, weil die Ablenkbarkeit zugenommen hat. Das gilt übrigens auch für Erwachsene. Bei Jugendlichen gibt es zudem noch einen klar nachweisbaren Effekt: Der Daumen zum Beispiel, den sie fürs Scrollen und Wischen brauchen, ist im Gehirn deutlich größer repräsentiert als andere Finger.

Die allererste Generation Handy, also Menschen, die seit frühester Kindheit mit Smartphones aufgewachsen sind, wird langsam erwachsen. Was bedeutet das für die Gesellschaft?

Wer vor dem zehnten Lebensjahr viel Zeit mit dem Smartphone verbringt, wird im Umkehrschluss zu wenig Zeit mit anderen Menschen verbringen und zu wenig darüber lernen, wie diese fühlen und denken. Das Gehirn ist aber so programmiert, genau das bis zu genau diesem Alter zu lernen. Deswegen sollten Eltern alternative Angebote machen: Sport, Vereine, Spielen mit anderen Kindern. Ich mache mir auch große Sorgen, ob Jugendliche überhaupt noch Fremdsprachen lernen wollen. Sie könnten denken: „Wenn ich im Ausland bin, kann das eine KI für mich machen.“

Das klingt so, als sollte man Smartphones an Schulen verbieten.

Ich bin immer gegen Verbote. Die Lehrer sollen entscheiden, welche Lehrmittel sie einsetzen. In der Grundschule würde ich aber sagen: Die Schüler sollten entweder einen Ball zum Spielen oder einen Stift zum Schreiben in der Hand haben. Bewegung ist der wichtigste Anreiz für Gehirnentwicklung in dem Alter. Und das Lernfenster für die Feinmotorik schließt sich dann allmählich. An weiterführenden Schulen sehe ich kein Problem darin, wenn Lehrer gerne mit dem Smartboard arbeiten.

Was geht uns verloren, auch biologisch, wenn wir keine Langeweile mehr zulassen, weil wir immer sofort das Smartphone in die Hand nehmen?

Kreativität! Ein Großteil unserer Ideen kommt beim sogenannten Tagträumen, wenn wir also Gehirnareale auf Schleichwegen miteinander verknüpfen, die wir sonst gar nicht nutzen. Es gibt eine Studie, in der Künstler und Physiker befragt wurden, wann sie neue Einfälle hatten. Die Hälfte bis zwei Drittel aller Ideen kamen in besonders entspannten Momenten. Wir berauben uns dieser Zeit.

Zum Abschluss: Verraten Sie uns bitte  Ihre besten persönlichen Tipps für digitale Abstinenz!

Das eine ist: Bewusst entscheiden, was die eigene Aufmerksamkeit bekommt. Bevor ich zum Smartphone greife, durchatmen und prüfen, ob ich das jetzt wirklich möchte. Und dann: Das Smartphone am besten ganz ausschalten und aus dem Blickfeld räumen. Es hat schließlich seinen Grund, dass wir auch eine Tafel Schokolade lieber irgendwo wegschließen. Wenn ich zu Hause lesen will, und es läuft zugleich die Fußball-Champions-League, dann lege ich mein Smartphone in ein anderes Zimmer und setze mich mit dem Buch ins Wohnzimmer. Dann muss ich eben gezielt zwischendurch rüberlaufen, um den Spielstand anzuschauen. Das mache ich aber nicht alle zwei Minuten, was garantiert der Fall wäre, wenn das Handy neben meinem Sessel läge.

Autor mehrerer Bücher

Martin Korte (59) ist seit 2007 Professor für Zelluläre Neurobiologie an der Technischen Universität Braunschweig sowie Direktor des Zoologischen Instituts. Nach dem Studium der Biologie in Münster und Tübingen zog es ihn über Aufenthalte in den USA nach München, wo er an der LMU habilitierte, bevor er 2004 nach Braunschweig wechselte. Seit 2013 ist er Mitglied der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Der verheiratete Vater zweier Söhne fährt gerne Rennrad, hat früher aktiv Fußball gespielt und verfolgt den Sport weiterhin. Korte liest gerne und ist selbst Autor verschiedener Sachbücher, zuletzt erschien: „Frisch im Kopf: Wie wir uns aus der digitalen Reizüberflutung befreien“.

Sicherer Schulweg in Kremmen

OGA vom 07. Dezember 2023 OBERHAVEL

Eltern fordern sicheren Schulweg

Verkehrssicherheit

Anfang September starb ein 14-jähriger Jugendlicher in Kremmen bei einem Unfall mit einem Bus. Eltern nehmen das zum Anlass, sich zu fragen, wie sicher Haltestellen sind.

Von Jessica Neumayer

Anfang September 2023 starb ein 14-Jähriger nach einem Unfall auf der Berliner Chaussee zwischen Kremmen und Amalienfelde. Der Schock sitzt bei vielen Eltern noch tief. In einem offenen Brief fordert die Schulkonferenz der Kremmener Goethe-Grundschule nun, dass Maßnahmen zum Schutz der Kinder vorgenommen werden. Konkrete Vorschläge haben sie ebenfalls.

Es war laut Polizei in diesem Jahr der dritte schwere Verkehrsunfall in Oberhavel, als am 5. September ein Jugendlicher von einem Bus der Oberhavel Verkehrsgesellschaft mbH (OVG) erfasst wurde. Der Junge war gerade aus dem Bus ausgestiegen und wollte die Straße überqueren, als ein anderer Bus aus der Gegenfahrbahn mit ihm kollidierte. Mit dem Hubschrauber wurde er ins Krankenhaus gebracht, in dem er seinen Verletzungen erlag.

Kremmen hat wiederholt Anträge an die Straßenverkehrsbehörde gestellt.

Seit dem Unfall sind die Eltern der Goethe-Grundschule mehr denn je in Sorge, ihre Kinder alleine in die Schule zu schicken. Sie fragen sich allgemein, ob der Schulweg ihrer Kinder so sicher ist, wie er sein müsste. Sie kommen zu einem ernüchternden Ergebnis. „Leider hält die tägliche Wirklichkeit dieser Frage nicht stand und beweist regelmäßig, dass noch längst nicht alles getan wurde, was getan werden könnte“, heißt es in einem offenen Brief, unterzeichnet von der Schul- sowie Elternkonferenz der Grundschule, adressiert an Landkreis, Polizeidirektion und Stadt Kremmen. Die Forderungen der Schulkonferenz sind auf den ersten Blick so simpel wie effektiv. Sie fordert, „dass an Bussen, die mit Warnblinkanlage an der Haltestelle stehen, in beiden Fahrtrichtungen nur mit Schrittgeschwindigkeit und ausreichendem Abstand vorbeigefahren werden darf“.

Die Idee ist nicht neu, sondern sogar in der Straßenverkehrsordnung (§16 und §20 STVO) vorgeschrieben. Neu ist hingegen die Forderung, dass diese Regelung an allen Haltestellen gelten soll, „sobald dort Schulkinder den Bus besteigen oder verlassen könnten“. Bisher gilt dies nur an Haltestellen, an denen die Straßenverkehrsbehörde dies angeordnet hat.

Im Brief wird bemängelt, dass diese Verkehrsregelung zu unbekannt sei. Mehr Präventionsarbeit sei nötig. „Tatsächlich haben viele Autofahrende nicht auf dem Schirm, dass bei eingeschalteter Warnblinklichtanlage nur in Schrittgeschwindigkeit vorbeigefahren werden darf“, bestätigt Joachim Lemmel, Pressesprecher der Polizeidirektion Nord. In Bezug auf die Forderung der Eltern, das öffentliche Bewusstsein zu schärfen, fügt er hinzu, dass die Polizei grundsätzlich immer dabei ist, zu informieren. „Wir werden prüfen, welche zusätzlichen Präventionsmaßnahmen noch umsetzbar sind“, so Lemmel.

Ebenso werden im Brief Busunternehmen angesprochen, ihre Mitarbeitenden zu instruieren. „Eine entsprechend der Straßenverkehrsordnung umgesetzte Änderung in den Arbeitsroutinen der Busfahrer sowie im Bewusstsein der Autofahrer verankerte Verhaltensänderung können zu einer sehr starken Reduktion der Risiken für die Kinder führen“, schreibt die Schulkonferenz.

„An vielen Haltestellen, an denen Schulkinder ihren Weg zum Bus oder nach Hause meistern müssen, lauern vermeidbare Gefahren“, heißt es im offenen Anschreiben. Gemeint sind beispielsweise Gefahren wie unsichere beziehungsweise fehlende Möglichkeiten eine Straße zu überqueren oder zu hohe Geschwindigkeitsvorgaben. Als Beispiel werden Haltestellen in Staffelde genannt.

Auch an die Eltern richtet sich das Schreiben. „Eine große Gefahrenquelle für alle Kinder geht von den Eltern aus, die das vor der Schule bestehende Halteverbot missachten oder in zweiter Reihe parken und ihren Kindern keinen noch so kleinen Fußweg zumuten wollen.“

Dies mache die Situation für alle Kinder unübersichtlich und folglich unsicher. Zudem würden Eltern auch an haltenden Schulbussen in solch einem erhöhtem Tempo vorbeifahren, dass ein rechtzeitiges Anhalten kaum noch möglich sei, heißt es im Brief. Womit die anfängliche Forderung, Busse mit eingeschalteten Warnblinklicht nur mit Schrittgeschwindigkeit passieren zu dürfen, nochmals untermauert wird.

Kremmens Bürgermeister Sebastian Busse (CDU) hat in Bezug auf den Brief eine besondere Stellung. Er ist sowohl Verfasser als auch Empfänger. Als Mitglied der Schulkonferenz hat er den Brief mitformuliert. „Der offene Brief ist nicht als Kritik gemeint, sondern als Unterstützung, um Felder aufzuzeigen, an denen nachgebessert werden kann“, sagt er auf Nachfrage. Er fügt hinzu, der Brief solle als Hinweis gesehen werden und zugleich als Aufforderung an die Fachämter, eine Stellungnahme abzugeben, ob die Verbesserungen, so wie die Konferenz sie sich denkt, möglich sind.

Die Stadt Kremmen hat laut Busse wiederholt Anträge an die Straßenverkehrsbehörde gestellt, unter anderem auf ein Überholverbot an bestimmten Bushaltestellen, Geschwindigkeitsreduzierung auf Tempo 70 an allen Haltestellen, die außerhalb von Kremmen zwischen den Ortschaften liegen sowie die Einordnung gewisser Haltestellen als besondere Gefahrenpunkte. Bisher seien diese Anträge jedoch noch in Bearbeitung.

Das Thema Schulentwicklungsplan war auf der Tagesordnung im Kreistag Oberhavel

OGA vom 08. Dezember 2023 OBERHAVEL

Notlösungen sollen ein Ende haben

Bildung

Überfüllte Klassen sind in Oberhavel an der Tagesordnung. Lehrer und Schüler sind am Limit. Nun wurden konkrete Maßnahmen beschlossen, um dem Problem zu begegnen.

Von Stefan Zwahr

In Oranienburg und Umgebung stehen Schulen vor großen Herausforderungen. Der anhaltende Zuzug sorgt dafür, dass immer mehr Kinder und Jugendliche in die ohnehin schon ausgelasteten Schulen drängen. Die Zeiten, in denen durch Containerbauten Notlösungen geschaffen wurden, sollen der Vergangenheit angehören. Das sind die Pläne.

Diskutiert und beschlossen wurden sie am Mittwoch, 6. Dezember, im Kreistag in Oberhavel – nach monatelangen Kontroversen in den Fachausschüssen. Nun gab es Ergebnisse, die sich auch im Schulentwicklungsplan wiederfinden. Dieser wurde aktualisiert und dient in den kommenden Jahren als Grundlage bei der Gestaltung der Bildungslandschaft.

Es ist nicht die beste Lösung, aber die optimale.

Christopher Gordjy (SPD) Kreistagsmitglied

Sieben Züge sind an diesem Standort dauerhaft nicht zu verkraften.

Manuela Brüssow Torhorst-Schulleiterin

So ist die Situation

Im Rahmen der Einwohnerfragestunde waren Beispiele aus der Praxis aufgezeigt worden. So schilderte Stephan Welker, Vorstandsmitglied im Kreiselternrat, Szenen aus Schulen, „die alle überfüllt worden sind“. Dennoch kann längst nicht jedem Schüler wohnortnah ein Angebot unterbreitet werden. Auch der Germendorfer betont, dass Schulwege länger werden. „Schüler aus Glienicke werden in Hennigsdorf zugewiesen, Kinder aus Germendorf müssen nach Löwenberg.“

Als das Paradebeispiel für volle Schulen wurde zuletzt immer wieder die Torhorst-Gesamtschule Oranienburg genannt. Deren Schulelternsprecher Torsten Martin unterstreicht: „Die geplante Zügigkeit treibt uns um.“ Die Einrichtung wurde einst für fünf Klassen pro Jahrgangsstufe ausgelegt, aktuell sind es teilweise sieben. „Das Gebäude platzt aus allen Nähten, das Kollegium ist am Limit“, berichtet Manuela Brüssow. Die Schulleiterin hatte sich im November-Bildungsausschuss umfassend zum schwierigen Alltag geäußert. Nun forderte sie einmal mehr: „Der Lehrprozess muss für die Lehrkräfte noch überschaubar sein. Sieben Züge sind an diesem Standort dauerhaft nicht zu verkraften.“

Die wichtigsten Beschlüsse

Zu diesem Szenario wird es auch nicht kommen. Ein Antrag der CDU, wonach die Zügigkeit in den kommenden Jahren begrenzt wird, fand eine Mehrheit. Dauerhafte Zügigkeitserhöhungen durch Schulerweiterungsbauten und temporäre Zügigkeitserhöhungen sollen eine Ausnahme bilden. „Einfache und schnelle Notlösungen werden irgendwann zur Belastung. Den Weg, wonach der enorme Mangel an Schulplätzen durch Container behoben wird, werden wir nicht mitgehen“, ließ Katrin Gehring verlauten. Es war nicht der einzige erfolgreiche Vorstoß der Christdemokraten im Kreistag. Dieser fasste am 6. Dezember unter anderem diese Beschlüsse:

 Errichtung einer Gesamtschule in Velten: Diese soll bis zum Schuljahr 2027/28 in unmittelbarer Nachbarschaft des Gymnasiums entstehen. Geplant wird mit fünf Zügen pro Jahrgangsstufe.

 Das Schulzentrum Libertas Löwenberg (bestehend aus Grund- und Oberschule) soll in die Trägerschaft des Landkreises Oberhavel – der damit für Bau, Betrieb und Ausstattung zuständig ist – übernommen werden. Ziel des Kreises ist es, kreisweit vergleichbare Lernbedingungen für Schüler und somit Chancengleichheit zu schaffen.

 Der Landkreis wurde beauftragt, die Errichtung einer Gesamtschule in der Region Oberkrämer/Kremmen „mit günstiger Anbindung an den ÖPNV“ zu prüfen. Die Linke begründete den Antrag mit der steigenden Nachfrage nach dieser Schulform. Ursel Degner: „Insbesondere im Raum Oberkrämer und Kremmen besteht seit vielen Jahren ein enormer Zuwachs an Einwohnern, mit entsprechend vielen Kindern und Jugendlichen. Schulen müssen dort entstehen, wo die Menschen leben.“

Der Landkreis beabsichtigt, eine neue weiterführende Schule in Schönfließ (Mühlenbecker Land) zu errichten. Die Planungen sehen darüber hinaus vor, den Erwerb der allgemeinen Hochschulreife bereits nach zwölf Schuljahren zu ermöglichen.

 Die Torhorst-Gesamtschule Oranienburg soll mit einem dauerhaften Erweiterungsbau ausgestattet und damit als sechszügige Einrichtung ausgebaut werden. Des Weiteren wird die Oberschule in Lehnitz als zukünftige sechszügige Gesamtschule ausgebaut. Um die fehlenden Gesamtschulplätze im Planungsgebiet abzudecken, sei diese Entwicklung dringend geboten, so die Linken.

Eine neue Schule in Velten

Einen intensiven Gedankenaustausch gab es gerade zum geplanten Schulneubau in Velten. Bildungsdezernent Holger Mittelstädt unterstrich die Notwendigkeit. „Ohne eine weitere weiterführende Schule fehlt ab 2027 im Bereich Velten, Hennigsdorf und Oberkrämer eine erhebliche Anzahl von Plätzen in der Klassenstufe sieben.“ Nur auf diesem 25.500 Quadratmeter großen Areal in Velten seien die Planungen so weit, dass mit dem Bau begonnen und in einem engen Zeitplan eine Schule errichtet werden kann.

Die CDU blieb bei ihrer ablehnenden Haltung. „Dieses Areal ist für uns der versprochene Standort für den Ersatzneubau für die Zürner-Oberschule.“ Die neue Schule wiederum würde sich in unmittelbarer Nähe von Zürner-Oberschule und Gymnasium befinden. Gehring rechnete vor, dass in Spitzenzeiten mehr als 1600 Kinder und Jugendliche zusammenkommen würden. „Mit dieser Masse an Schülern können und wollen wir nicht umgehen. Wir sind gegen diese starke Ballung.“ Auch die Linke warnte durch Ursel Degner davor, unüberschaubare Schulstandorte zu errichten. Soziale Spannungen seien vorprogrammiert. Die SPD hielt dagegen. „Es ist nicht die beste Lösung, aber die optimale“, bemerke Christopher Gordjy. Zuvor hatte er schon verlauten lassen, dass „keine idealen Lernbedingungen“ immer noch besser seien, als in keiner Schule zu lernen. Seine Parteifreundin Jutta Lindner hält die Diskussion um die Ballung für Stimmungsmache. „Die Schüler beeinflussen sich beim Lernen in keiner Weise.“

Kritik von und an der AfD

Die AfD um Tim Zimmermann sah es pragmatisch. „Das Projekt ist nicht perfekt, aber sonst passiert gar nichts.“ Die jüngste Pisa-Studie habe das Fiasko in der deutschen Bildungspolitik aufgezeigt. Auch in Oberhavel würde es sich nur um Flickwerk handeln. Der Oranienburger klagt an: Es gibt zu wenig Schulen, akute Raumnot, zu hohe Frequenzen in den Klassen, zu wenig Lehrer und im Norden des Kreises unzumutbar weite Schulwege. Aussagen, die Uwe Münchow (FDP) auf den Plan riefen. Er erinnerte daran, dass es mehrere Arbeitskreise gegeben habe, bei denen über die Bildungspolitik in Oberhavel gesprochen wurde. „Die AfD war fast nie dabei.“