Sind das noch Bauern, oder doch schon Terroristen?

OGA vom 07. März 2024 BRANDENBURG

Fahrt zur Arbeit endet im Misthaufen

Bauern-Protest

Ivo Boban will zur Nachtschicht, als er auf der dunklen B5 bei Elstal in eine Barriere rast. Landwirte hatten sie ohne Ankündigung errichtet. Ein Abschleppunternehmer berichtet von Morddrohung.

Von Manja Wilde

Der Mist klebt noch am grauen Opel Insignia. Das Auto steht auf dem Hof des Abschleppdienstes Grabow in Nauen. Der Wagen hat einen Totalschaden, seit er mit einem Tempo von 70 bis 80 Kilometern pro Stunde gegen einen Misthaufen raste. Das war am Sonntag gegen 21.50 Uhr auf der Bundesstraße B5 bei Elstal, wo Bauern aus Protest gegen die Politik der Bundesregierung eine Barriere errichtet hatten.

Am Steuer des Wagens sitzt Ivo Boban, neben ihm seine Frau. Beide wollen zur Nachtschicht. „In Wustermark war die B5 gesperrt. Die Polizei hat uns rausgewunken, wir sollten die Umleitung nehmen“, schildert der 63-Jährige. Der Wagen folgt den anderen Autos. „Bei Karls Erdbeerhof konnten wir wieder auf die B5. Da war nichts gesperrt. Ich habe beschleunigt und bin 400 Meter weiter in den Misthaufen gefahren“, berichtet Ivo Boban. Etwa 1,20 Meter sei das Hindernis an der Stelle hoch gewesen. „Der hatte die gleiche Farbe wie der Asphalt, den hat man erst zehn Meter vorher gesehen“, sagt Boban. Zu spät zum Abbremsen. Der Wagen rast auf den harten Berg, landet dahinter wieder auf den Rädern, schlittert durch glitschige Gülle und kommt 50 Meter weiter an der Leitplanke zum Stehen. Beide Airbags schnellen hervor. Doch auf Rettungswagen und Polizei müssen die Verletzten nach Bobans Worten lange warten. „Sie sind einfach nicht durchgekommen.“

Das ist ein gefährlicher Eingriff in den Straßenverkehr. Das hat mit Politik nichts zu tun.

Michael Grabow Abschleppunternehmer

Die Situation ist aufgeheizt. Das bekommt auch das Abschleppunternehmen Grabow zu spüren, das Unfall-Autos aus dem Mist zieht und einen Traktor umsetzt. „Die haben gedroht, uns unseren Laden abzubrennen, Morddrohungen gab es auch“, berichtet Michael Grabow. „Natürlich haben wir eine Anzeige gemacht“, betont er. Über das Internet und per Telefon seien die Drohungen eingegangen.

„Was die ordentlichen Bauern bei ihren Protestaktionen gut gemacht haben, haben diese Leute kaputtgemacht“, sagt Michael Grabow. „Das ist ein gefährlicher Eingriff in den Straßenverkehr. Das hat mit Politik nichts zu tun“, ergänzt er. Das Unternehmen, das sein Sohn führt, sei bereits seit dem Jahr 2018 der Vertragsabschleppdienst der Polizei. Die Verträge, die nach den europaweiten Ausschreibungen geschlossen worden seien, müssten eingehalten werden, unterstreicht er.

Die Blockade dauerte in etwa von Sonntag, 22 Uhr, bis Montag, 15.30 Uhr, teilt Dustin Neumann, Sprecher der Polizeidirektion West, mit. Es habe mehrere Unfälle mit insgesamt fünf Verletzten gegeben. Zu Spitzenzeiten hätten insgesamt 22 Fahrzeuge in beiden Fahrtrichtungen an der Blockade mitgewirkt. Wie viele Einsatzkräfte der Polizei vor Ort waren, teilte der Sprecher auf Nachfrage nicht mit. Ob bereits weitere Protest-Veranstaltungen angemeldet oder bekannt sind, ebenfalls nicht. „Das überlassen wir dem Veranstalter. Wir veröffentlichen das nicht, damit es nicht später heißt, es sind nur so viele Leute gekommen, weil die Polizei Ort und Zeit bekannt gegeben hat“, erklärt er.

In der Blockade-Nacht haben Polizisten laut Neumann mehrere Anzeigen aufgenommen: „Wegen gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr, wegen Verstößen gegen das Versammlungsrecht und eine Nötigungsanzeige bezüglich des Abschleppunternehmens“.

„Der Einsatz ist heute noch Thema bei uns“, sagt Jürgen Scholz, der Gemeindewehrführer der Freiwilligen Feuerwehr Wustermark. Als die Kameraden Hilfe leisten wollten, standen die Traktoren im Weg, berichtet Scholz. „Es gab keine Rettungsgasse, der Einsatzleiter musste die Landwirte bitten, beiseite zu fahren“, schildert er. Erst ein „kleines Wortgefecht“ und eine in Richtung Einsatzleiter fliegende Kaffeetasse später habe die Wehr passieren können.

Jürgen Scholz hebt jedoch auch hervor, dass am Dienstag Henrik Wendorff, der Präsident des Landesbauernverbandes, bei ihm angerufen habe, um sich zu entschuldigen und sich zu distanzieren. Scholz betont zudem, dass frühere Aktionen von Bauern aus der Region stets angemeldet gewesen seien.

„Das ganze Internet ist voll von Aufrufen ohne Absender und ohne Veranstalter“, kritisiert Wendorff. „Das ist alles nicht seriös, wir raten ab, darauf zu reagieren“, sagt er. Von der Aktion auf der B5 habe er gar nichts gewusst. Der Landesbauernverband habe schon seit zwei Wochen keine öffentlichen Protestaktionen mehr gemacht, stattdessen viele Gespräche geführt. Ihn ärgere es, dass eine kleine Gruppe von „Demonstrations-Touristen in Traktoren mit Wohnanhängern“, solche Bemühungen torpediere.

Schlimme Erinnerung geweckt

Für Ivo Boban ist es unerheblich, von wo die Landwirte kamen, die die Barrieren errichtet haben. Er kann seit dem Horror-Crash nicht mehr schlafen. Längst verdrängte Bilder brechen wieder hervor. „Vor drei Jahren sind wir zufällig in einen Unfall geraten. Ein Ehepaar saß in dem Auto. Die Frau ist in meinen Armen gestorben. Der Mann hat immerzu gejammert und nach seiner Frau gefragt“, berichtet der 63-Jährige.

Diese Erinnerungen lassen die eigenen Schmerzen, den Druck auf dem Brustkorb, die Rennerei wegen des kaputten Autos und die anderen Unannehmlichkeiten etwas in den Hintergrund treten.

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