mangelt es bei den Schülern am Interesse für die MINT-Fächer?

25. Juni 2024BERLIN

„Wir müssen raus aus diesem Loch“

Interview

Zu geringes Interesse der Schüler an Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik verschärft den Fachkräftemangel in diesen Bereichen. Aber es gibt Ideen, wie es besser werden könnte. Auch in Brandenburg.

Von Mathias Hausding

Die sogenannten MINT-Fächer – Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik – haben einen schweren Stand. Auch deshalb fehlen bundesweit hunderttausende Fachkräfte in diesen Bereichen, wie der MINT-Report immer wieder aufzeigt. Ein Netzwerk um Professor Christoph Meinel, Ex-Direktor am Hasso-Plattner-Institut, wirbt für ein Umdenken. Im Interview erklärt er, worum es geht.

Herr Professor Meinel, die Defizite in den MINT-Fächern sind bekannt und werden seit langem diskutiert, ohne dass sich etwas bessert. Warum geben Sie nicht auf?

Sie haben recht. Es ist ein Trauerspiel. Das Land der Ingenieure ist im MINT-Bereich immer schwächer aufgestellt. Das ist vor allem an den schlechten Schulergebnissen in Mathematik ablesbar, zuletzt etwa beim PISA-Test.

Welche Folgen hat das?

Der Bedarf an MINT-Fachkräften steigt und steigt, kann aber nicht gedeckt werden. Das ist eine Wachstumsbremse für unser Land und damit eine Gefahr für unseren Wohlstand. Wir müssen hier mehr denn je etwas tun, damit es nicht so kommt. Wir müssen raus aus diesem Loch!

Wo ist der Hebel anzusetzen?

Das fängt bei den Kindern mit der vorschulischen Ausbildung an und reicht dann über die Grundschule bis zu den Ausbildungsberufen und den Studiengängen.

Studien bescheinigen den MINT-Jobs beste Zukunftsaussichten, trotzdem entscheiden sich viele junge Leute für andere, weniger aussichtsreiche Berufe. Woran liegt das?

Das geht in der Schule los. Die Lehrkräfte-Ausbildung wurde über viele Jahre stark vernachlässigt. Das hat zu einer Verschlechterung des Unterrichts, nicht nur in den MINT-Fächern, geführt. Dann heißt es, Mathematik solle Spaß machen, und alles, was anstrengend ist wie manchmal Mathematik, macht angeblich keinen Spaß. Genau umgekehrt ist es, wie im Sport: Anstrengung und Training bringen Spaß und Erfolg.

Was sind die Besonderheiten am Mathematik-Unterricht?

Mathematik ist neben Deutsch die Grundlage für alle anderen Fächer. Das Besondere an Mathe ist aber, dass alles aufeinander aufbaut. Wer einmal Lücken hat und sich nicht anstrengt, diese zu schließen, bekommt immer mehr Probleme, den Stoff zu verstehen. Und weil viele Schülerinnen und Schüler am Ende in Mathematik nicht gut dastehen, denken sie, alles, was etwas damit zu tun hat, sei kein cooler Beruf.

Was heißt das für die Ausbildungsbetriebe?

Es kommen nicht nur zu wenige junge Leute, sondern von denen, die eine entsprechende Ausbildung anfangen wollen, bringen etliche die notwendigen Voraussetzungen nicht mit. Ein Teufelskreis.

Wie ist er zu durchbrechen?

Es liegt nicht an fehlender Intelligenz der Kinder, sondern an schlechten Rahmenbedingungen. Es gibt zum Beispiel unsere Initiative „MINT Zukunft schaffen“ und viele andere Initiativen mit ähnlichem Ziel in ganz Deutschland, die Interesse an Mathe, an MINT wecken wollen. Eltern können ebenfalls viel tun, ihre Kinder für das Lernen in diesen Fächern zu begeistern.

Blicken wir auf Brandenburg. Das Land hatte nicht nur den neuerlichen PISA-Schock zu verdauen, sondern ist zuvor schon beim IQB-Bildungstrend dramatisch abgestürzt. Gleichzeitig fehlen Hunderte Lehrkräfte. Was tun, wenn es überall brennt?

Ja, die Schülerinnen und Schüler in Brandenburg gehören mit ihren schulischen Leistungen nun im Bundesvergleich leider zu den Schlusslichtern. Das ist eigentlich unverständlich, weil andere Bundesländer größere Probleme haben, wenn man zum Beispiel an den Anteil von Kindern ohne ausreichende Deutsch-Kenntnisse denkt. Die Politik in Brandenburg versucht jetzt gegenzusteuern, stellt den Schulen zum Beispiel Budgets für Nachhilfestunden zur Verfügung. Was wie gesagt noch aussteht: Die Aus- und Fortbildung der Lehrkräfte muss verbessert werden. Der Beruf verdient auch gesellschaftlich mehr Anerkennung.

Was genau will „MINT Zukunft schaffen“ erreichen?

Auch da geht es um Wertschätzung. Schulen in ganz Deutschland können sich bei uns um das Siegel „MINT-freundliche Schule“ oder „digitale Schule“ bewerben. In Brandenburg sind derzeit 31 Schulen „MINT-freundlich“ und 15 haben das Siegel „digitale Schule“ von allein 800 staatlichen Schulen in Brandenburg. Das ist weit unter dem Durchschnitt der anderen Bundesländer.

Welche Kriterien müssen die Schulen erfüllen?

Die MINT-freundlichen Schulen weisen nach, dass sie mindestens zehn von 14 Kriterien im MINT-Bereich erfüllen. Der Kriterienkatalog „Digitale Schule“ umfasst fünf Module, die alle von den Schulen nachgewiesen werden müssen: von der Pädagogik über die Qualifizierung der Lehrkräfte und die regionale Vernetzung bis hin zu den Konzepten und der technischen Ausstattung der Schule.

Was bringt das Siegel den Schülerinnen und Schülern?

Im Rahmen des Wettbewerbs werden die Schulen animiert, mit den vorhandenen Mitteln die beschriebenen Kriterien zu erreichen. Nicht alles hängt am Geld. Je besser das MINT-Konzept der Schule, umso besser ist der Unterricht für die Kinder und Jugendlichen. Außerdem sind die mit den Siegeln ausgezeichneten Schulen dann Teil eines großen Netzwerks. Man kommt mit anderen zusammen, die sich ebenfalls anstrengen. Auch mit Unternehmen. Das motiviert zusätzlich.

Zu MINT gehört auch Informatik. Die Kultusminister wollen schon lange ein solches Pflichtfach. In Brandenburg gibt es das nach wie vor nicht. Ein Problem?

Alle sind sich einig, dass hier etwas passieren muss. Aber die Stundentafel umzubauen, ist schwierig. Für die Grundschule ist die Empfehlung, Informatik-Inhalte und digitales Denken stärker in die vorhandenen Fächer zu integrieren. Für den eigentlichen Informatik-Unterricht an den weiterführenden Schulen braucht man dann natürlich erst einmal die entsprechenden Lehrkräfte. Aber auch dort sollte das Fach sehr breit angelegt werden, um zum Beispiel auch Mädchen zu begeistern.

Die Frauen-Quoten in den MINT-Berufen sind mit rund 20 Prozent in der Tat noch immer sehr gering. Woran liegt das?

Deutschland liegt da im europäischen Vergleich zurück. Das wirkt sich dann auch auf die Zahl der Informatik-Studentinnen aus. Das hat nichts mit fehlenden Fähigkeiten zu tun, sondern mit Interesse, das bei den Mädchen noch stärker geweckt werden muss.

Zur Person

Christoph Meinel, 1954 in Meißen geboren, ist studierter Informatiker und emeritierter Professor am Hasso-Plattner-Institut (HPI) der Universität Potsdam. Bis 2023 war er Direktor am HPI. Auf seine Initiative geht unter anderem die in Brandenburg und anderen Bundesländern inzwischen flächendeckend eingesetzte Schul-Cloud zurück. Prof. Meinel ist außerdem einer von zwei Gründungspräsidenten der in Potsdam ansässigen German University of Digital Science, der ersten vollständig digitalen Universität. Seit 2022 ist er ehrenamtlicher Vorstandschef der Initiative „MINT Zukunft schaffen“.

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ChatGPT & Co. im Unterricht?

OGA vom 28. Juni 2024 BRANDENBURG

Lehrer und Schüler erhalten eigenes KI-Werkzeug

Digitalisierung

Der US-Chatbot ChatGPT ist längst auch Thema für den Unterricht. Jetzt erarbeitet das Bildungsministerium auf Pädagogen-Wunsch eine eigene Version.

Von Mathias Hausding

Die Eltern der Schülerinnen und Schüler in Brandenburg müssen sich mit ChatGPT und Co auseinandersetzen, ob sie wollen oder nicht. Den Lehrkräften geht es genauso. Künstliche Intelligenz und die damit verbundenen Anwendungen für Rechner, Tablet und Smartphone verändern die Wissensvermittlung, das Lernen und damit auch den Schulalltag.

Im Jahr 2023 ploppte das Thema in Brandenburg auf, als sich plötzlich sogar Grundschüler Vorträge für den Unterricht von Chat-GPT schreiben ließen, was manche Lehrer als innovativ lobten und andere als Täuschung mit der Note 6 bestraften.

Programm wird nicht mit Daten der Schüler gefüttert.

Das Bildungsministerium reagierte mit der Veröffentlichung eines Leitfadens zum Umgang mit Schulleistungen, die mithilfe von KI erbracht wurden. Jetzt geht Minister Steffen Freiberg (SPD) den nächsten Schritt. „Wir wollen den Schulen eine von uns bereitgestellte ChatGPT-Version zur Verfügung stellen, mit der Schülerinnen und Schüler arbeiten können“, sagt Freiberg. Das werde auch recht schnell gehen. Aber ein genauer Termin für den Start stehe noch nicht fest. Rechtlich gebe es keine Hürden mehr, man arbeite derzeit an der technischen Integration in das vorhandene Schulportal, auf das alle Schulen Zugriff hätten. Dabei gelte es, Sicherheits- und Datenschutzaspekte zu berücksichtigen, so Freiberg. Das sei durchaus aufwendig. „Sobald das geklärt ist, werden wir den Schulen das KI-Instrument zur Verfügung stellen.“ Eine eigene ChatGPT-Version bedeute, dass das Programm nicht mit den Daten der Brandenburger Lehrer und Schüler gefüttert werde. Heißt konkret: Die Nutzer können auf ChatGPT-Ergebnisse zugreifen, aber umgekehrt darf ChatGPT nicht mit jenen Inhalten arbeiten, die Schüler und Lehrkräfte einfügen. Ein ganz entscheidender Punkt, betont der Minister. Man zahle an den ChatGPT-Anbieter OpenAI eine Lizenzgebühr, um die Anwendung auf diese Art nutzen zu können. Die Initiative gehe auf Wünsche von Lehrerinnen und Lehrern zurück, so Freiberg. Sie seien an ihn herangetreten und hätten berichtet, dass es in Sachsen-Anhalt eine solche ChatGPT-Version für die Schulen gebe. „Dann haben wir uns das in Sachsen-Anhalt angeschaut und uns rechtlich und technisch beraten lassen“, erklärt der Minister.

Das Bildungsministerium im Nachbarland nennt als Einsatzmöglichkeiten von ChatGPT die kritische Erprobung von KI in der Schule und die Unterrichtsvorbereitung der Lehrkräfte, also zum Beispiel eine Anekdote, mit der man anschaulich in ein Thema einführen könnte.

Das Modell sei in der Lage, Fragen und Aufgaben zu formulieren. Bevor sie EmuGPT, wie es genau heißt, nützen können, müssen Lehrkräfte in Sachsen-Anhalt eine entsprechende Fortbildung machen.

Lisum übernimmt Ausbildung

Brandenburgs Bildungsminister sieht letztere Aufgabe in der Mark künftig beim neu ausgerichteten Landes-Schulinstitut, dem Lisum-Nachfolger. Die digitalen Kompetenzen und der Umgang mit ihnen seien ein Megatrend. „Wir können uns dem nicht entziehen. Sowohl die Lehrkräfte, als auch die Schülerinnen und Schüler sollten lernen, wie KI-Werkzeuge zu benutzen sind“, betont Freiberg. Konkret gehe es zum Beispiel um Prompt-Optimierung, also das Lernen, mit welchen Befehlen man bei ChatGPT zu sinnvollen Ergebnissen kommt.

Jugendliche und die Nutzung von mobilen Endgeräten

OGA vom 02. Juli 2024 POLITIK

Sucht oder typisch Teenie?

Medienzeit

Unsere Autorin streitet fast täglich mit ihrem 14-jährigen Sohn, weil der so viel vor dem Bildschirm sitzt. Wie viele Eltern fragt sie sich: Wie kriege ich das Kind aus dem Zimmer? Wie viel Zocken ist überhaupt okay? Und: Ist das alles wirklich nur schlecht?

Von Maria Neuendorff

Ich bin so verzweifelt, dass ich aus der Wohnung fliehe. Denn ich muss aufpassen, dass ich meinem Sohn nicht das Handy aus der Hand reiße und es gegen die Wand feuere. Dieses Bild, wie er auf dem Sofa sitzt, immerzu das Smartphone in der Hand, als wäre es mit ihm verwachsen, und nicht aufschaut, wenn ich ihn anspreche. Das macht mich derart rasend, dass ich mich abreagieren muss.

Bei uns zu Hause herrscht Krieg. Krieg um Medienzeit. Mein Sohn ist 14 Jahre alt. Bis er zehn war, haben wir uns jeden Abend vor dem Schlafen mit Büchern beschäftigt. Egal, wie müde ich war, ich habe ihm vorgelesen. Ich war mir sicher: Wenn ich ihm die Welt zur Literatur eröffne, wird er Bücher lieben. Weit gefehlt. Die längsten Texte, die mein Sohn heute konsumiert, sind Sportnachrichten auf dem Handy – immerhin. Sein Klassenlehrer sagt, dass die meisten Schüler inzwischen sogar Schwierigkeiten haben, einfache Sachaufgaben zu lesen und zu verstehen.

Meine Sorge: Irgendwann mutiert mein Sohn zu einem Zocker-Zombie, der in Flaschen uriniert.

Mein Sohn geht aufs Gymnasium, ist sportlich und hat drei Mal die Woche Fußballtraining. Es gibt Eltern, die könnten sich sicher mehr beklagen. Trotzdem graut es mir, wenn ich ihn stundenlang vor dem Bildschirm hocken sehe. Wie sehr Computerzeit auf den Körper geht, spüre ich selbst täglich. Und was macht die 24/7-Online-Verfügbarkeit dazu mit der Seele?

Nach einer neuen Studie der Krankenkasse DAK und des Deutschen Zentrums für Suchtfragen am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf hat die Mediensucht bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland seit der Corona-Pandemie zugenommen. Ein Viertel der Minderjährigen nutzt soziale Medien demnach in einem riskanten Ausmaß. Das entspricht einer Steigerung auf 1,3 Millionen Mädchen und Jungen, womit sich die Zahl der Betroffenen gegenüber 2019 verdreifacht hat.

Laut der Studie konsumieren Jungen und Mädchen zwischen 12 und 17 Jahren durchschnittlich rund zweieinhalb Stunden täglich nur soziale Medien. Da ist das Zocken noch gar nicht eingepreist. Die Folgen: zu wenig Schlaf, Realitätsflucht, Depressionen und Streit mit den Eltern. „Viele Kinder und Jugendliche chatten, posten und liken von früh bis in die Nacht. Einige rutschen in die Abhängigkeit“, warnt Andreas Storm, Vorstandschef der DAK-Gesundheit.

Erstes Handy mit neun Jahren

Ich verspüre eine chronische Unruhe, sobald mein Sohn nach der Schule in seinem Zimmer verschwindet. Wir haben uns früher draußen rumgetrieben – und manchmal natürlich auch Unsinn gemacht. Aber das wäre mir echt lieber als diese Stubenhockerei. Meine Sorge: Wenn ich nicht ständig interveniere, mutiert mein Sohn zu einem Zocker-Zombie, der nachts in Flaschen uriniert. Seinen Medienkonsum permanent eindämmen zu müssen, macht mich zur Helikoptermutter, die ich nie sein wollte.

„Meine Freunde sind gerade on“, sagt mein Sohn, damit ich ihn zocken lasse. Wenn er dann vor dem PC vergnügt mit anderen lacht, bin ich schon erleichtert. Schließlich habe ich ja früher nach der Schule auch sofort meine beste Freundin angerufen und stundenlang das Festnetztelefon blockiert.

Mein Sohn bekam sein erstes Handy im Alter von neun Jahren. Ich wollte, dass wir uns immer erreichen können, wenn ich bis zum Abend unterwegs war oder er im Dunkeln vom Training nach Hause fuhr. Dass Messenger-Dienste auch ein Segen für Eltern sein können, merkte ich, als ich ihn einmal wegen einer wichtigen Schulung alleine mit Fieber im Bett zurücklassen musste. Einfach mal schnell über WhatsApp nachfragen zu können, wie es ihm geht, war für uns beide eine Erleichterung.

Doch inzwischen reagiert mein Sohn fast gar nicht mehr auf meine Nachrichten oder Anrufe. Sobald ich aus dem Haus bin, stülpt er sich die Kopfhörer über und zockt. „Früher haben die Kinder auch heimlich Fernsehen geguckt“, versucht mich meine Mutter zu beruhigen. Damals gab es aber auch ein staatlich geprüftes Programm und nach Mitternacht ein Testbild, denke ich.

Natürlich könnte ich den Router einfach ausschalten. Doch mein Sohn nutzt das WLAN auch für die Schule. Über die Schul-App erfährt er, ob Stunden ausfallen. Auch Hausaufgaben soll er zum Teil online abgeben. So kam es schon vor, dass ich wütend ins Kinderzimmer stürmte, nachdem er mal wieder eine Abmachung zur Medienzeit überschritten hatte, und auf seinem Bildschirm statt Fifa-Spielern eine Präsentation für den Bio-Unterricht vorfand.

Doch wann er welche Inhalte konsumiert, kann ich nicht wirklich kontrollieren. Auch, weil mich das technisch überfordert. Dass sein junges Seelchen im Netz mit Hass, Gewalt, gefährlichen Challenges, Verschwörungstheorien, Pornos, sexueller Anmache oder Abzocke konfrontiert wird, kann ich nicht ausschließen. So ist man als Mutter oder Vater ständig auf der Hut. Es fühlt sich an wie der berühmte Kampf gegen Windmühlen.

Wäre es nicht nervenschonender, einfach aufzugeben, so wie die Eltern, die schon ihren Dreijährigen das Tablet in die Hand drücken, damit sie selbst entspannt telefonieren können? Es gibt inzwischen Kleinkinder, die im Museum mit dem Finger über Ölfarbe wischen, weil sie die Leinwände für Touchscreens halten. Wie man die bedient, hat die Generation Alpha mit der Muttermilch aufgesogen. Und das hat ja nicht nur Nachteile: Auch ich nehme es dankend an, wenn mir mein Sohn meine Krankenkassen-App einrichtet. Bis zum nächsten Streit. Dann kommt die Frage zurück: Ist das hier die Pubertät oder schon ein Zeichen von Internet-Abhängigkeit? Ist es noch Hobby oder schon Sucht? Reichen erzieherische Maßnahmen aus, oder braucht mein Kind eine Therapie?

Ich hole mir Hilfe im Café Beispiellos. Die 1987 gegen Glücksspielsucht gegründete Beratungsstelle der Caritas in Berlin beschäftigt sich seit 2006 auch mit Computer- und Internetsucht. Besorgten Eltern wie mir wird dort im ersten Schritt eine Infoveranstaltung angeboten. Wie könnte es anders sein – online.

Bei dem Videocall zugeschaltet sind rund zehn Elternteile von Kindern im Alter von 12 bis 22. Unter anderem klagen sie über Kindersicherungen, mit denen sie eigentlich die Medienzeiten auf den Geräten der Kinder einschränken wollten, die aber vom Nachwuchs längst geknackt wurden.

In dem rund einstündigen Online-­Seminar lerne ich, dass auch soziale Faktoren wie familiäre Probleme, Mobbing, hoher Leistungsdruck und Gefühle wie Frust, Trauer, Angst und Langeweile das Suchtpotenzial verstärken können. Arbeite ich zu viel, lasse ich mein Kind zu oft alleine, wenn ich mich am Wochenende mit Freunden treffe oder nach Feierabend statt Hausaufgabenkontrolle lieber Sport mache? Mein Sohn ist Trennungskind und hat keine Geschwister. „Ist er vielleicht nur einsam und überfordert und flüchtet sich deshalb in die Scheinwelten von Minecraft und Among Us?“, fragt mein schlechtes Gewissen.

Gehirn auf Risiko gepolt

Zu meiner Erleichterung erfahre ich bei dem Seminar aber auch, dass die Verhaltensweisen von Pubertierenden generell sehr dem Verhalten Süchtiger ähneln. Der Bereich der „Partyzone“, die unter anderem für impulsives und risikobehaftetes Gebaren sorge, sei in Teenager-­Gehirnen häufig noch stärker ausgebildet als die Kontrollzone, erklärt Kristin Schneider, Sozialarbeiterin und Systemische Therapeutin. Der weise Muskel im Kopf, der sagt: „Ich sollte jetzt mal mit dem Zocken aufhören“, sei bei Heranwachsenden noch schlaff und müsste in der Pubertät trainiert werden. Die Eltern seien dabei die Coaches. „Allerdings dauert die Pubertät nach neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen bei manchen bis über das 20. Lebensjahr hinaus“, sagt Schneider. Puh, also noch ein langer Kampf. „Das aggressive Verhalten, das Austricksen und Lügen beim Thema Medienkonsum fühlt sich für Eltern oft wie ein persönlicher Angriff an“, spricht die Expertin mir aus der Seele.

„Die meisten Online-Spiele sind so aufgebaut, dass sie permanent suggerieren: ,Wenn ich nicht mitmache, verpasse ich was‘“, erklärt uns Andreas Niggestich, Online-Familienberater aus Berlin, in dem Seminar. Die Folgen beobachte ich an meinem Sohn: „Ich hasse dich“, hat er mir vor Kurzem entgegengeschleudert, als ich ihn durch beharrliches Stehenbleiben neben seinem PC zwang, mal innezuhalten und seine Kopfhörer abzusetzen. „Dadurch haben wir jetzt die Weekend League verloren und alle Matches, die ich mit meinem Freund seit zwei Tagen gespielt habe, waren umsonst“, schrie er mich an.

Den sozialen Zusammenhalt, die Erfolgserlebnisse und die Belohnungs­anreize, um die es beim Daddeln geht, könne man auch analog erzeugen, erklärt Andreas Niggestich. Eltern sollten deshalb regelmäßig alternative Freizeitangebote machen und selbst ein gutes Vorbild sein. „Natürlich kann man Jugendliche ab einem bestimmten Alter nicht mehr überall hinzerren“, sagt er. „Aber man sollte dranbleiben und vielleicht auch mal fragen: Wer ist der Streamer, dem du da folgst?“ Interesse zeigen, im Gespräch bleiben, die Kinder begleiten, heißen die Losungen, die ich mitnehme.

Also schaue ich mir mit meinem Kind eine Doku über seinen Lieblings-Influencer Elias Nerlich an. Ausgerechnet der alte TV-Held meiner Jugend, Kai Pflaume, begleitet den 26-jährigen E-Sportler anderthalb Stunden durch sein Leben. Und das ist gar nicht so trashig, wie ich es mir vorgestellt habe. Tatsächlich arbeitet der Typ ziemlich hart. Ich bin überrascht, wie bodenständig Nerlich ist, der neben seinen unzähligen Live-Streaming-Events auch einen realen Fußballverein gegründet hat, bei dem wieder in Echtzeit auf Rasen gekickt wird.

Tatsächlich hat mein Kind neulich freiwillig den Computerplatz verlassen, um zu einem Fußballspiel von Nerlich zu gehen. Wir haben abgemacht, dass ich ihn das nächste Mal begleite.

Danach wollen wir noch eine Runde Minigolf spielen gehen.

Autorin Maria Neuendorff (47) ist Korrespondentin in unserem Berliner Büro. Das Handy nutzt sie gern für viel zu lange Sprachnachrichten.