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Neurobiologe Martin Korte über die Nutzung der Handys

OGA vom 07. Dezember 2023 POLITIK

„Wir machen uns ablenkbarer“

Martin Korte

Unsere Konzentrationsfähigkeit sinkt zunehmend, weil wir ständig vor Bildschirmen hängen, warnt der Neurobiologe und Sachbuchautor. Warum er von Verboten trotzdem nichts hält, welchen Ratschlag Eltern befolgen sollten und wieso Langeweile so wichtig ist.

Von Ellen Hasenkamp und Dominik Guggemos

Das riesige Bild hinter Martin Korte sieht auf den ersten Blick aus wie moderne Kunst. Es zeigt aber einen Querschnitt des Gehirns mit bunt eingefärbten Vernetzungen. Der Neurobiologe, das merkt man schon nach wenigen Sätzen, ist fasziniert von seinem Studienobjekt. Das Gehirn muss kontinuierlich Sinnesinformationen verarbeiten und zugleich Erinnerungen speichern. Korte forscht an der TU Braunschweig dazu, welche Mechanismen diese Lern- und Gedächtnisvorgänge ermöglichen – oder auch behindern. Eine besondere Rolle nehmen dabei heutzutage Smartphones als dauerhafter Begleiter der Menschen im Alltag ein. Dass beim Video-Gespräch zwischendurch die Tontechnik der Redakteure verrückt spielt, nimmt der Sachbuchautor gelassen. Bei ihm selbst läuft alles tipptopp.

Herr Korte, müssten auf Handys eigentlich Warnhinweise kleben – so wie auf Zigarettenschachteln?

Interessanterweise hat das Gerät auch dann eine ablenkende Wirkung, wenn es ausgeschaltet vor mir liegt.

Bevor ich zum Smartphone greife, durchatmen und prüfen, ob ich das jetzt wirklich möchte.

Hm … nein. Erstens haben die sich nicht als wirksam erwiesen und zweitens ist Handynutzung doch etwas anders als zu rauchen. Jeder Zug an der Zigarette ist schädlich, während es beim Smartphone davon abhängt, was man damit anfängt.

Trotzdem haben Sie grad kurz gezögert.

Stimmt. Es gäbe durchaus Gründe, zu warnen. Vor allem natürlich vor der mitunter tödlichen Ablenkung im Straßenverkehr. Außerdem können Smartphones schädlich für Sozialbeziehungen und für die Konzentration sein. Und zwar nicht wegen einer ominösen Strahlung, sondern weil es unserem Gehirn nicht guttut, in einen Multitasking-Modus zu fallen.

Gibt es auch gute Bildschirmzeit?

Natürlich. Unsere moderne Welt wäre ohne Computer und Handys undenkbar. Ein TikTok-Video, das die Demokratie der Bundesrepublik anschaulich erklärt, ist wunderbar – ein Film mit Hetzbotschaften nicht. Und: Wenn ich bei der Arbeit das Smartphone nutze, ist das etwas anderes, als wenn ich eigentlich mit meiner Familie beim Abendessen sitze.

Weil es unhöflich ist?

Aus mehreren Gründen. Zum einen konditioniert sich das Gehirn darauf, immer auch auf das zu achten, was es gerade nicht tut. Das bedeutet: Wir machen uns ablenkbarer. Außerdem kostet die technische Nutzung der Geräte Rechenkapazität in unserem Gehirn, unsere Konzentrationsfähigkeit schwindet.

Kann man das messen?

Das gehört zu den Dingen, die wir in der Forschung noch nicht gut verstanden haben: Warum wird so viel unserer eigenen Rechenkapazität abgesaugt, wenn wir diese Technik nutzen? Das ist anders, als wenn zum Beispiel Teenager bei den Hausaufgaben Musik hören. Das können die meist sehr gut verknüpfen. Es ist aber eine Illusion zu meinen, man könne Vokabeln lernen und parallel Social Media bedienen. Es dauert nachweislich doppelt so lange.

Also: Handy bei den Hausaufgaben neben sich legen und ignorieren?

Das reicht nicht. Interessanterweise hat das Gerät nämlich auch dann eine ablenkende Wirkung, wenn es ausgeschaltet vor mir liegt. Tatsächlich ist ein Teil der Kapazität im Stirnlappen, den wir für die Konzentration brauchen, schon allein damit beschäftigt, den Wunsch abzuwehren, doch auf das Handy zu drücken.

Und daraus wurde ein grandioses Geschäftsmodell.

Genau. Und das lautet: Wir zahlen mit unserer Aufmerksamkeit. Die Firmen bekommen ihre Werbeeinnahmen über die Häufigkeit unserer App-Nutzung. Wenn wir dagegen ins Café gehen, bezahlen wir den Kellner dafür, dass er uns den Kaffee bringt und uns ansonsten nicht stört. Wenn der alle zwei Minuten käme, in unseren Taschen kramte, uns von seinem Leben erzählte oder mit Werbeplakaten um den Tisch herumliefe – wir würden da nie wieder hingehen. Aber auf dem Smartphone lassen wir uns das gefallen.

Was wäre die Lösung?

Wie wäre es bei einer App per Monatsabo? Dafür hätten wir die Garantie, genau wie im Café nicht gestört zu werden. Dann müssten die Firmen auch nicht Hunderte von Psychologen anstellen, die uns möglichst abhängig von diesen Geräten machen wollen.

Diese Psychologen nutzen ja offenbar etwas aus, was in unserer Evolution hilfreich gewesen sein muss. Eine Stärke, die jetzt zur Schwachstelle wird.

Unsere Gehirne waren immer darauf ausgerichtet, sich ablenken zu lassen. Denn höchstwahrscheinlich ist der Steinzeitmensch, der eine Stunde auf die Palme geguckt und völlig vergessen hat, was um ihn herum passiert, nicht unser Vorfahre, weil er die Beute fürs Abendessen oder den angreifenden Säbelzahntiger übersehen hat. Unsere Gehirne sind so programmiert, dass wir sozusagen alle 15 bis 30 Sekunden was Neues suchen. Sich nicht ablenken zu lassen, ist dagegen ein relativ neuer neuronaler Mechanismus im Stirnlappen. Wir können tatsächlich die Ablenkbarkeit für eine bestimmte Zeit aktiv unterbinden.

Was erklärt die Faszination Smartphone noch?

Viele Anwendungen sind so gebaut wie die Spielautomaten in Las Vegas. Eine Belohnung kommt immer wieder vor, ist aber nicht sicher. Also: Mal bekommt man ein Like unter seinem Post, mal aber auch nicht. Manche Firmen halten den „Daumen hoch“ sogar künstlich zurück, und unser auf Belohnung programmiertes Gehirn veranlasst uns dann, wieder und wieder nachzuschauen. Das kann bis zur Sucht gehen. Und schließlich sind wir nun mal soziale Wesen – und in den sogenannten sozialen Medien werden wir mit anderen verbunden. Zum Teil funktioniert das auch.

Wieso nur zum Teil?

Es ist erwiesen, dass das Gehirn die Anwesenheit einer dreidimensionalen Person im selben Raum bevorzugt. Eine große Studie aus den USA hat gezeigt, dass 15-Jährige sich noch nie so einsam gefühlt haben wie heute – und die Untersuchung war 2017, also vor der Pandemie. Es gibt noch eine tolle Messung: Bei Müttern und Töchtern in einem Raum konnte man zeigen, wie sich die Rhythmen der Gehirnaktivität miteinander synchronisieren. Diese Art der Synchronisation hat sich bei einem Videotelefongespräch nicht eingestellt.

Unsere Gehirne sind also noch auf Steinzeitstand. Können wir biologisch aufholen und irgendwann besser mit den Anforderungen der digitalen Jetztzeit fertig werden?

Es dauert rund 40.000 Jahre, bis unsere Gehirne sich genetisch maßgeblich ändern. Ich würde lieber der Evolution vertrauen: Es gibt gute Gründe, warum gerade die Eingangspforte unseres Gehirns, also das Arbeitsgedächtnis, relativ klein ist. Arbeitsspeicher haben nämlich einen riesigen Energieaufwand – das ist trotz unterschiedlicher Funktionsweise im Gehirn nicht anders als im Smartphone. Auch da zahlt man für mehr Kapazität erheblich drauf, und diese frisst mehr Batterie. Außerdem ist es evolutionär offenbar erfolgreich gewesen, Wichtiges von Unwichtigem zu trennen.

Kann man messen, dass Konzentrationsfähigkeiten nachlassen?

Ja. Es gibt eine große Studie aus China bei Grundschulkindern, die ganz klar zeigt: Die Sprachareale haben sich bei den Kindern, die viele Stunden vor dem Smartphone- oder Tabletbildschirm verbracht haben, deutlich schlechter entwickelt als bei der Vergleichsgruppe. Man erkennt auch bei standardisierten Tests, die seit Jahrzehnten eingesetzt werden, dass die Konzentrationszeiten sich verkürzt haben, weil die Ablenkbarkeit zugenommen hat. Das gilt übrigens auch für Erwachsene. Bei Jugendlichen gibt es zudem noch einen klar nachweisbaren Effekt: Der Daumen zum Beispiel, den sie fürs Scrollen und Wischen brauchen, ist im Gehirn deutlich größer repräsentiert als andere Finger.

Die allererste Generation Handy, also Menschen, die seit frühester Kindheit mit Smartphones aufgewachsen sind, wird langsam erwachsen. Was bedeutet das für die Gesellschaft?

Wer vor dem zehnten Lebensjahr viel Zeit mit dem Smartphone verbringt, wird im Umkehrschluss zu wenig Zeit mit anderen Menschen verbringen und zu wenig darüber lernen, wie diese fühlen und denken. Das Gehirn ist aber so programmiert, genau das bis zu genau diesem Alter zu lernen. Deswegen sollten Eltern alternative Angebote machen: Sport, Vereine, Spielen mit anderen Kindern. Ich mache mir auch große Sorgen, ob Jugendliche überhaupt noch Fremdsprachen lernen wollen. Sie könnten denken: „Wenn ich im Ausland bin, kann das eine KI für mich machen.“

Das klingt so, als sollte man Smartphones an Schulen verbieten.

Ich bin immer gegen Verbote. Die Lehrer sollen entscheiden, welche Lehrmittel sie einsetzen. In der Grundschule würde ich aber sagen: Die Schüler sollten entweder einen Ball zum Spielen oder einen Stift zum Schreiben in der Hand haben. Bewegung ist der wichtigste Anreiz für Gehirnentwicklung in dem Alter. Und das Lernfenster für die Feinmotorik schließt sich dann allmählich. An weiterführenden Schulen sehe ich kein Problem darin, wenn Lehrer gerne mit dem Smartboard arbeiten.

Was geht uns verloren, auch biologisch, wenn wir keine Langeweile mehr zulassen, weil wir immer sofort das Smartphone in die Hand nehmen?

Kreativität! Ein Großteil unserer Ideen kommt beim sogenannten Tagträumen, wenn wir also Gehirnareale auf Schleichwegen miteinander verknüpfen, die wir sonst gar nicht nutzen. Es gibt eine Studie, in der Künstler und Physiker befragt wurden, wann sie neue Einfälle hatten. Die Hälfte bis zwei Drittel aller Ideen kamen in besonders entspannten Momenten. Wir berauben uns dieser Zeit.

Zum Abschluss: Verraten Sie uns bitte  Ihre besten persönlichen Tipps für digitale Abstinenz!

Das eine ist: Bewusst entscheiden, was die eigene Aufmerksamkeit bekommt. Bevor ich zum Smartphone greife, durchatmen und prüfen, ob ich das jetzt wirklich möchte. Und dann: Das Smartphone am besten ganz ausschalten und aus dem Blickfeld räumen. Es hat schließlich seinen Grund, dass wir auch eine Tafel Schokolade lieber irgendwo wegschließen. Wenn ich zu Hause lesen will, und es läuft zugleich die Fußball-Champions-League, dann lege ich mein Smartphone in ein anderes Zimmer und setze mich mit dem Buch ins Wohnzimmer. Dann muss ich eben gezielt zwischendurch rüberlaufen, um den Spielstand anzuschauen. Das mache ich aber nicht alle zwei Minuten, was garantiert der Fall wäre, wenn das Handy neben meinem Sessel läge.

Autor mehrerer Bücher

Martin Korte (59) ist seit 2007 Professor für Zelluläre Neurobiologie an der Technischen Universität Braunschweig sowie Direktor des Zoologischen Instituts. Nach dem Studium der Biologie in Münster und Tübingen zog es ihn über Aufenthalte in den USA nach München, wo er an der LMU habilitierte, bevor er 2004 nach Braunschweig wechselte. Seit 2013 ist er Mitglied der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Der verheiratete Vater zweier Söhne fährt gerne Rennrad, hat früher aktiv Fußball gespielt und verfolgt den Sport weiterhin. Korte liest gerne und ist selbst Autor verschiedener Sachbücher, zuletzt erschien: „Frisch im Kopf: Wie wir uns aus der digitalen Reizüberflutung befreien“.