Archiv der Kategorie: Informationen

mangelt es bei den Schülern am Interesse für die MINT-Fächer?

25. Juni 2024BERLIN

„Wir müssen raus aus diesem Loch“

Interview

Zu geringes Interesse der Schüler an Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik verschärft den Fachkräftemangel in diesen Bereichen. Aber es gibt Ideen, wie es besser werden könnte. Auch in Brandenburg.

Von Mathias Hausding

Die sogenannten MINT-Fächer – Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik – haben einen schweren Stand. Auch deshalb fehlen bundesweit hunderttausende Fachkräfte in diesen Bereichen, wie der MINT-Report immer wieder aufzeigt. Ein Netzwerk um Professor Christoph Meinel, Ex-Direktor am Hasso-Plattner-Institut, wirbt für ein Umdenken. Im Interview erklärt er, worum es geht.

Herr Professor Meinel, die Defizite in den MINT-Fächern sind bekannt und werden seit langem diskutiert, ohne dass sich etwas bessert. Warum geben Sie nicht auf?

Sie haben recht. Es ist ein Trauerspiel. Das Land der Ingenieure ist im MINT-Bereich immer schwächer aufgestellt. Das ist vor allem an den schlechten Schulergebnissen in Mathematik ablesbar, zuletzt etwa beim PISA-Test.

Welche Folgen hat das?

Der Bedarf an MINT-Fachkräften steigt und steigt, kann aber nicht gedeckt werden. Das ist eine Wachstumsbremse für unser Land und damit eine Gefahr für unseren Wohlstand. Wir müssen hier mehr denn je etwas tun, damit es nicht so kommt. Wir müssen raus aus diesem Loch!

Wo ist der Hebel anzusetzen?

Das fängt bei den Kindern mit der vorschulischen Ausbildung an und reicht dann über die Grundschule bis zu den Ausbildungsberufen und den Studiengängen.

Studien bescheinigen den MINT-Jobs beste Zukunftsaussichten, trotzdem entscheiden sich viele junge Leute für andere, weniger aussichtsreiche Berufe. Woran liegt das?

Das geht in der Schule los. Die Lehrkräfte-Ausbildung wurde über viele Jahre stark vernachlässigt. Das hat zu einer Verschlechterung des Unterrichts, nicht nur in den MINT-Fächern, geführt. Dann heißt es, Mathematik solle Spaß machen, und alles, was anstrengend ist wie manchmal Mathematik, macht angeblich keinen Spaß. Genau umgekehrt ist es, wie im Sport: Anstrengung und Training bringen Spaß und Erfolg.

Was sind die Besonderheiten am Mathematik-Unterricht?

Mathematik ist neben Deutsch die Grundlage für alle anderen Fächer. Das Besondere an Mathe ist aber, dass alles aufeinander aufbaut. Wer einmal Lücken hat und sich nicht anstrengt, diese zu schließen, bekommt immer mehr Probleme, den Stoff zu verstehen. Und weil viele Schülerinnen und Schüler am Ende in Mathematik nicht gut dastehen, denken sie, alles, was etwas damit zu tun hat, sei kein cooler Beruf.

Was heißt das für die Ausbildungsbetriebe?

Es kommen nicht nur zu wenige junge Leute, sondern von denen, die eine entsprechende Ausbildung anfangen wollen, bringen etliche die notwendigen Voraussetzungen nicht mit. Ein Teufelskreis.

Wie ist er zu durchbrechen?

Es liegt nicht an fehlender Intelligenz der Kinder, sondern an schlechten Rahmenbedingungen. Es gibt zum Beispiel unsere Initiative „MINT Zukunft schaffen“ und viele andere Initiativen mit ähnlichem Ziel in ganz Deutschland, die Interesse an Mathe, an MINT wecken wollen. Eltern können ebenfalls viel tun, ihre Kinder für das Lernen in diesen Fächern zu begeistern.

Blicken wir auf Brandenburg. Das Land hatte nicht nur den neuerlichen PISA-Schock zu verdauen, sondern ist zuvor schon beim IQB-Bildungstrend dramatisch abgestürzt. Gleichzeitig fehlen Hunderte Lehrkräfte. Was tun, wenn es überall brennt?

Ja, die Schülerinnen und Schüler in Brandenburg gehören mit ihren schulischen Leistungen nun im Bundesvergleich leider zu den Schlusslichtern. Das ist eigentlich unverständlich, weil andere Bundesländer größere Probleme haben, wenn man zum Beispiel an den Anteil von Kindern ohne ausreichende Deutsch-Kenntnisse denkt. Die Politik in Brandenburg versucht jetzt gegenzusteuern, stellt den Schulen zum Beispiel Budgets für Nachhilfestunden zur Verfügung. Was wie gesagt noch aussteht: Die Aus- und Fortbildung der Lehrkräfte muss verbessert werden. Der Beruf verdient auch gesellschaftlich mehr Anerkennung.

Was genau will „MINT Zukunft schaffen“ erreichen?

Auch da geht es um Wertschätzung. Schulen in ganz Deutschland können sich bei uns um das Siegel „MINT-freundliche Schule“ oder „digitale Schule“ bewerben. In Brandenburg sind derzeit 31 Schulen „MINT-freundlich“ und 15 haben das Siegel „digitale Schule“ von allein 800 staatlichen Schulen in Brandenburg. Das ist weit unter dem Durchschnitt der anderen Bundesländer.

Welche Kriterien müssen die Schulen erfüllen?

Die MINT-freundlichen Schulen weisen nach, dass sie mindestens zehn von 14 Kriterien im MINT-Bereich erfüllen. Der Kriterienkatalog „Digitale Schule“ umfasst fünf Module, die alle von den Schulen nachgewiesen werden müssen: von der Pädagogik über die Qualifizierung der Lehrkräfte und die regionale Vernetzung bis hin zu den Konzepten und der technischen Ausstattung der Schule.

Was bringt das Siegel den Schülerinnen und Schülern?

Im Rahmen des Wettbewerbs werden die Schulen animiert, mit den vorhandenen Mitteln die beschriebenen Kriterien zu erreichen. Nicht alles hängt am Geld. Je besser das MINT-Konzept der Schule, umso besser ist der Unterricht für die Kinder und Jugendlichen. Außerdem sind die mit den Siegeln ausgezeichneten Schulen dann Teil eines großen Netzwerks. Man kommt mit anderen zusammen, die sich ebenfalls anstrengen. Auch mit Unternehmen. Das motiviert zusätzlich.

Zu MINT gehört auch Informatik. Die Kultusminister wollen schon lange ein solches Pflichtfach. In Brandenburg gibt es das nach wie vor nicht. Ein Problem?

Alle sind sich einig, dass hier etwas passieren muss. Aber die Stundentafel umzubauen, ist schwierig. Für die Grundschule ist die Empfehlung, Informatik-Inhalte und digitales Denken stärker in die vorhandenen Fächer zu integrieren. Für den eigentlichen Informatik-Unterricht an den weiterführenden Schulen braucht man dann natürlich erst einmal die entsprechenden Lehrkräfte. Aber auch dort sollte das Fach sehr breit angelegt werden, um zum Beispiel auch Mädchen zu begeistern.

Die Frauen-Quoten in den MINT-Berufen sind mit rund 20 Prozent in der Tat noch immer sehr gering. Woran liegt das?

Deutschland liegt da im europäischen Vergleich zurück. Das wirkt sich dann auch auf die Zahl der Informatik-Studentinnen aus. Das hat nichts mit fehlenden Fähigkeiten zu tun, sondern mit Interesse, das bei den Mädchen noch stärker geweckt werden muss.

Zur Person

Christoph Meinel, 1954 in Meißen geboren, ist studierter Informatiker und emeritierter Professor am Hasso-Plattner-Institut (HPI) der Universität Potsdam. Bis 2023 war er Direktor am HPI. Auf seine Initiative geht unter anderem die in Brandenburg und anderen Bundesländern inzwischen flächendeckend eingesetzte Schul-Cloud zurück. Prof. Meinel ist außerdem einer von zwei Gründungspräsidenten der in Potsdam ansässigen German University of Digital Science, der ersten vollständig digitalen Universität. Seit 2022 ist er ehrenamtlicher Vorstandschef der Initiative „MINT Zukunft schaffen“.

Jetzt mitmachen beim Bildungskompass 2024!

Wie zufrieden sind Sie mit der Bildungssituation in Ihrer Region?

In welche Bereiche der Bildung sollte mehr investiert werden?

Werden Kinder in Schulen ausreichend auf das Leben vorbereitet?

Was machen Sie persönlich, um sich weiterzuqualifizieren?

Ihre Erfahrungen und Einschätzungen sind dabei besonders wichtig für uns. Ab Oktober werden wir die Ergebnisse auf MOZ.de und LR.de vorstellen.

Nehmen Sie an unserer Umfrage teil und sichern Sie sich die Chance auf einen Reisegutschein von M-TOURS Erlebnisreisen im Wert von 600 € und viele weitere tolle Preise.

Weitere Informationen, eine Übersicht über die Preise und natürlich den Link zur Umfrage finden Sie über den beigefügten QR-Code oder unter www.moz.de/bildung

ChatGPT & Co. im Unterricht?

OGA vom 28. Juni 2024 BRANDENBURG

Lehrer und Schüler erhalten eigenes KI-Werkzeug

Digitalisierung

Der US-Chatbot ChatGPT ist längst auch Thema für den Unterricht. Jetzt erarbeitet das Bildungsministerium auf Pädagogen-Wunsch eine eigene Version.

Von Mathias Hausding

Die Eltern der Schülerinnen und Schüler in Brandenburg müssen sich mit ChatGPT und Co auseinandersetzen, ob sie wollen oder nicht. Den Lehrkräften geht es genauso. Künstliche Intelligenz und die damit verbundenen Anwendungen für Rechner, Tablet und Smartphone verändern die Wissensvermittlung, das Lernen und damit auch den Schulalltag.

Im Jahr 2023 ploppte das Thema in Brandenburg auf, als sich plötzlich sogar Grundschüler Vorträge für den Unterricht von Chat-GPT schreiben ließen, was manche Lehrer als innovativ lobten und andere als Täuschung mit der Note 6 bestraften.

Programm wird nicht mit Daten der Schüler gefüttert.

Das Bildungsministerium reagierte mit der Veröffentlichung eines Leitfadens zum Umgang mit Schulleistungen, die mithilfe von KI erbracht wurden. Jetzt geht Minister Steffen Freiberg (SPD) den nächsten Schritt. „Wir wollen den Schulen eine von uns bereitgestellte ChatGPT-Version zur Verfügung stellen, mit der Schülerinnen und Schüler arbeiten können“, sagt Freiberg. Das werde auch recht schnell gehen. Aber ein genauer Termin für den Start stehe noch nicht fest. Rechtlich gebe es keine Hürden mehr, man arbeite derzeit an der technischen Integration in das vorhandene Schulportal, auf das alle Schulen Zugriff hätten. Dabei gelte es, Sicherheits- und Datenschutzaspekte zu berücksichtigen, so Freiberg. Das sei durchaus aufwendig. „Sobald das geklärt ist, werden wir den Schulen das KI-Instrument zur Verfügung stellen.“ Eine eigene ChatGPT-Version bedeute, dass das Programm nicht mit den Daten der Brandenburger Lehrer und Schüler gefüttert werde. Heißt konkret: Die Nutzer können auf ChatGPT-Ergebnisse zugreifen, aber umgekehrt darf ChatGPT nicht mit jenen Inhalten arbeiten, die Schüler und Lehrkräfte einfügen. Ein ganz entscheidender Punkt, betont der Minister. Man zahle an den ChatGPT-Anbieter OpenAI eine Lizenzgebühr, um die Anwendung auf diese Art nutzen zu können. Die Initiative gehe auf Wünsche von Lehrerinnen und Lehrern zurück, so Freiberg. Sie seien an ihn herangetreten und hätten berichtet, dass es in Sachsen-Anhalt eine solche ChatGPT-Version für die Schulen gebe. „Dann haben wir uns das in Sachsen-Anhalt angeschaut und uns rechtlich und technisch beraten lassen“, erklärt der Minister.

Das Bildungsministerium im Nachbarland nennt als Einsatzmöglichkeiten von ChatGPT die kritische Erprobung von KI in der Schule und die Unterrichtsvorbereitung der Lehrkräfte, also zum Beispiel eine Anekdote, mit der man anschaulich in ein Thema einführen könnte.

Das Modell sei in der Lage, Fragen und Aufgaben zu formulieren. Bevor sie EmuGPT, wie es genau heißt, nützen können, müssen Lehrkräfte in Sachsen-Anhalt eine entsprechende Fortbildung machen.

Lisum übernimmt Ausbildung

Brandenburgs Bildungsminister sieht letztere Aufgabe in der Mark künftig beim neu ausgerichteten Landes-Schulinstitut, dem Lisum-Nachfolger. Die digitalen Kompetenzen und der Umgang mit ihnen seien ein Megatrend. „Wir können uns dem nicht entziehen. Sowohl die Lehrkräfte, als auch die Schülerinnen und Schüler sollten lernen, wie KI-Werkzeuge zu benutzen sind“, betont Freiberg. Konkret gehe es zum Beispiel um Prompt-Optimierung, also das Lernen, mit welchen Befehlen man bei ChatGPT zu sinnvollen Ergebnissen kommt.

Jugendliche und die Nutzung von mobilen Endgeräten

OGA vom 02. Juli 2024 POLITIK

Sucht oder typisch Teenie?

Medienzeit

Unsere Autorin streitet fast täglich mit ihrem 14-jährigen Sohn, weil der so viel vor dem Bildschirm sitzt. Wie viele Eltern fragt sie sich: Wie kriege ich das Kind aus dem Zimmer? Wie viel Zocken ist überhaupt okay? Und: Ist das alles wirklich nur schlecht?

Von Maria Neuendorff

Ich bin so verzweifelt, dass ich aus der Wohnung fliehe. Denn ich muss aufpassen, dass ich meinem Sohn nicht das Handy aus der Hand reiße und es gegen die Wand feuere. Dieses Bild, wie er auf dem Sofa sitzt, immerzu das Smartphone in der Hand, als wäre es mit ihm verwachsen, und nicht aufschaut, wenn ich ihn anspreche. Das macht mich derart rasend, dass ich mich abreagieren muss.

Bei uns zu Hause herrscht Krieg. Krieg um Medienzeit. Mein Sohn ist 14 Jahre alt. Bis er zehn war, haben wir uns jeden Abend vor dem Schlafen mit Büchern beschäftigt. Egal, wie müde ich war, ich habe ihm vorgelesen. Ich war mir sicher: Wenn ich ihm die Welt zur Literatur eröffne, wird er Bücher lieben. Weit gefehlt. Die längsten Texte, die mein Sohn heute konsumiert, sind Sportnachrichten auf dem Handy – immerhin. Sein Klassenlehrer sagt, dass die meisten Schüler inzwischen sogar Schwierigkeiten haben, einfache Sachaufgaben zu lesen und zu verstehen.

Meine Sorge: Irgendwann mutiert mein Sohn zu einem Zocker-Zombie, der in Flaschen uriniert.

Mein Sohn geht aufs Gymnasium, ist sportlich und hat drei Mal die Woche Fußballtraining. Es gibt Eltern, die könnten sich sicher mehr beklagen. Trotzdem graut es mir, wenn ich ihn stundenlang vor dem Bildschirm hocken sehe. Wie sehr Computerzeit auf den Körper geht, spüre ich selbst täglich. Und was macht die 24/7-Online-Verfügbarkeit dazu mit der Seele?

Nach einer neuen Studie der Krankenkasse DAK und des Deutschen Zentrums für Suchtfragen am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf hat die Mediensucht bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland seit der Corona-Pandemie zugenommen. Ein Viertel der Minderjährigen nutzt soziale Medien demnach in einem riskanten Ausmaß. Das entspricht einer Steigerung auf 1,3 Millionen Mädchen und Jungen, womit sich die Zahl der Betroffenen gegenüber 2019 verdreifacht hat.

Laut der Studie konsumieren Jungen und Mädchen zwischen 12 und 17 Jahren durchschnittlich rund zweieinhalb Stunden täglich nur soziale Medien. Da ist das Zocken noch gar nicht eingepreist. Die Folgen: zu wenig Schlaf, Realitätsflucht, Depressionen und Streit mit den Eltern. „Viele Kinder und Jugendliche chatten, posten und liken von früh bis in die Nacht. Einige rutschen in die Abhängigkeit“, warnt Andreas Storm, Vorstandschef der DAK-Gesundheit.

Erstes Handy mit neun Jahren

Ich verspüre eine chronische Unruhe, sobald mein Sohn nach der Schule in seinem Zimmer verschwindet. Wir haben uns früher draußen rumgetrieben – und manchmal natürlich auch Unsinn gemacht. Aber das wäre mir echt lieber als diese Stubenhockerei. Meine Sorge: Wenn ich nicht ständig interveniere, mutiert mein Sohn zu einem Zocker-Zombie, der nachts in Flaschen uriniert. Seinen Medienkonsum permanent eindämmen zu müssen, macht mich zur Helikoptermutter, die ich nie sein wollte.

„Meine Freunde sind gerade on“, sagt mein Sohn, damit ich ihn zocken lasse. Wenn er dann vor dem PC vergnügt mit anderen lacht, bin ich schon erleichtert. Schließlich habe ich ja früher nach der Schule auch sofort meine beste Freundin angerufen und stundenlang das Festnetztelefon blockiert.

Mein Sohn bekam sein erstes Handy im Alter von neun Jahren. Ich wollte, dass wir uns immer erreichen können, wenn ich bis zum Abend unterwegs war oder er im Dunkeln vom Training nach Hause fuhr. Dass Messenger-Dienste auch ein Segen für Eltern sein können, merkte ich, als ich ihn einmal wegen einer wichtigen Schulung alleine mit Fieber im Bett zurücklassen musste. Einfach mal schnell über WhatsApp nachfragen zu können, wie es ihm geht, war für uns beide eine Erleichterung.

Doch inzwischen reagiert mein Sohn fast gar nicht mehr auf meine Nachrichten oder Anrufe. Sobald ich aus dem Haus bin, stülpt er sich die Kopfhörer über und zockt. „Früher haben die Kinder auch heimlich Fernsehen geguckt“, versucht mich meine Mutter zu beruhigen. Damals gab es aber auch ein staatlich geprüftes Programm und nach Mitternacht ein Testbild, denke ich.

Natürlich könnte ich den Router einfach ausschalten. Doch mein Sohn nutzt das WLAN auch für die Schule. Über die Schul-App erfährt er, ob Stunden ausfallen. Auch Hausaufgaben soll er zum Teil online abgeben. So kam es schon vor, dass ich wütend ins Kinderzimmer stürmte, nachdem er mal wieder eine Abmachung zur Medienzeit überschritten hatte, und auf seinem Bildschirm statt Fifa-Spielern eine Präsentation für den Bio-Unterricht vorfand.

Doch wann er welche Inhalte konsumiert, kann ich nicht wirklich kontrollieren. Auch, weil mich das technisch überfordert. Dass sein junges Seelchen im Netz mit Hass, Gewalt, gefährlichen Challenges, Verschwörungstheorien, Pornos, sexueller Anmache oder Abzocke konfrontiert wird, kann ich nicht ausschließen. So ist man als Mutter oder Vater ständig auf der Hut. Es fühlt sich an wie der berühmte Kampf gegen Windmühlen.

Wäre es nicht nervenschonender, einfach aufzugeben, so wie die Eltern, die schon ihren Dreijährigen das Tablet in die Hand drücken, damit sie selbst entspannt telefonieren können? Es gibt inzwischen Kleinkinder, die im Museum mit dem Finger über Ölfarbe wischen, weil sie die Leinwände für Touchscreens halten. Wie man die bedient, hat die Generation Alpha mit der Muttermilch aufgesogen. Und das hat ja nicht nur Nachteile: Auch ich nehme es dankend an, wenn mir mein Sohn meine Krankenkassen-App einrichtet. Bis zum nächsten Streit. Dann kommt die Frage zurück: Ist das hier die Pubertät oder schon ein Zeichen von Internet-Abhängigkeit? Ist es noch Hobby oder schon Sucht? Reichen erzieherische Maßnahmen aus, oder braucht mein Kind eine Therapie?

Ich hole mir Hilfe im Café Beispiellos. Die 1987 gegen Glücksspielsucht gegründete Beratungsstelle der Caritas in Berlin beschäftigt sich seit 2006 auch mit Computer- und Internetsucht. Besorgten Eltern wie mir wird dort im ersten Schritt eine Infoveranstaltung angeboten. Wie könnte es anders sein – online.

Bei dem Videocall zugeschaltet sind rund zehn Elternteile von Kindern im Alter von 12 bis 22. Unter anderem klagen sie über Kindersicherungen, mit denen sie eigentlich die Medienzeiten auf den Geräten der Kinder einschränken wollten, die aber vom Nachwuchs längst geknackt wurden.

In dem rund einstündigen Online-­Seminar lerne ich, dass auch soziale Faktoren wie familiäre Probleme, Mobbing, hoher Leistungsdruck und Gefühle wie Frust, Trauer, Angst und Langeweile das Suchtpotenzial verstärken können. Arbeite ich zu viel, lasse ich mein Kind zu oft alleine, wenn ich mich am Wochenende mit Freunden treffe oder nach Feierabend statt Hausaufgabenkontrolle lieber Sport mache? Mein Sohn ist Trennungskind und hat keine Geschwister. „Ist er vielleicht nur einsam und überfordert und flüchtet sich deshalb in die Scheinwelten von Minecraft und Among Us?“, fragt mein schlechtes Gewissen.

Gehirn auf Risiko gepolt

Zu meiner Erleichterung erfahre ich bei dem Seminar aber auch, dass die Verhaltensweisen von Pubertierenden generell sehr dem Verhalten Süchtiger ähneln. Der Bereich der „Partyzone“, die unter anderem für impulsives und risikobehaftetes Gebaren sorge, sei in Teenager-­Gehirnen häufig noch stärker ausgebildet als die Kontrollzone, erklärt Kristin Schneider, Sozialarbeiterin und Systemische Therapeutin. Der weise Muskel im Kopf, der sagt: „Ich sollte jetzt mal mit dem Zocken aufhören“, sei bei Heranwachsenden noch schlaff und müsste in der Pubertät trainiert werden. Die Eltern seien dabei die Coaches. „Allerdings dauert die Pubertät nach neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen bei manchen bis über das 20. Lebensjahr hinaus“, sagt Schneider. Puh, also noch ein langer Kampf. „Das aggressive Verhalten, das Austricksen und Lügen beim Thema Medienkonsum fühlt sich für Eltern oft wie ein persönlicher Angriff an“, spricht die Expertin mir aus der Seele.

„Die meisten Online-Spiele sind so aufgebaut, dass sie permanent suggerieren: ,Wenn ich nicht mitmache, verpasse ich was‘“, erklärt uns Andreas Niggestich, Online-Familienberater aus Berlin, in dem Seminar. Die Folgen beobachte ich an meinem Sohn: „Ich hasse dich“, hat er mir vor Kurzem entgegengeschleudert, als ich ihn durch beharrliches Stehenbleiben neben seinem PC zwang, mal innezuhalten und seine Kopfhörer abzusetzen. „Dadurch haben wir jetzt die Weekend League verloren und alle Matches, die ich mit meinem Freund seit zwei Tagen gespielt habe, waren umsonst“, schrie er mich an.

Den sozialen Zusammenhalt, die Erfolgserlebnisse und die Belohnungs­anreize, um die es beim Daddeln geht, könne man auch analog erzeugen, erklärt Andreas Niggestich. Eltern sollten deshalb regelmäßig alternative Freizeitangebote machen und selbst ein gutes Vorbild sein. „Natürlich kann man Jugendliche ab einem bestimmten Alter nicht mehr überall hinzerren“, sagt er. „Aber man sollte dranbleiben und vielleicht auch mal fragen: Wer ist der Streamer, dem du da folgst?“ Interesse zeigen, im Gespräch bleiben, die Kinder begleiten, heißen die Losungen, die ich mitnehme.

Also schaue ich mir mit meinem Kind eine Doku über seinen Lieblings-Influencer Elias Nerlich an. Ausgerechnet der alte TV-Held meiner Jugend, Kai Pflaume, begleitet den 26-jährigen E-Sportler anderthalb Stunden durch sein Leben. Und das ist gar nicht so trashig, wie ich es mir vorgestellt habe. Tatsächlich arbeitet der Typ ziemlich hart. Ich bin überrascht, wie bodenständig Nerlich ist, der neben seinen unzähligen Live-Streaming-Events auch einen realen Fußballverein gegründet hat, bei dem wieder in Echtzeit auf Rasen gekickt wird.

Tatsächlich hat mein Kind neulich freiwillig den Computerplatz verlassen, um zu einem Fußballspiel von Nerlich zu gehen. Wir haben abgemacht, dass ich ihn das nächste Mal begleite.

Danach wollen wir noch eine Runde Minigolf spielen gehen.

Autorin Maria Neuendorff (47) ist Korrespondentin in unserem Berliner Büro. Das Handy nutzt sie gern für viel zu lange Sprachnachrichten.

Windräder im Bereich Sommerfeld und Beetz

OGA vom 24. Mai 2024 TITELSEITE

Widerstand gegen Windräder im Wald

Erneuerbare Energien In Beetz und Sommerfeld geht der Protest weiter. Bei einer Diskussion schlugen die Wellen der Empörung hoch.

Von Sophie Brachvogel-Lüttke

Schon auf der Fahrt durch die Rüthnicker Heide in Richtung Sommerfeld regen sich erste Zweifel, ob in dieser bislang relativ unberührten Natur Windräder stehen sollten. Der Landtagsabgeordnete Frank Bommert (CDU) hat im Kulturhaus der Sana Klinken eine Diskussionsveranstaltung für den Erhalt des Waldes und gegen die geplanten Windräder organisiert.

Breiter Widerstand hat sich inzwischen gegen das Vorhaben vor der Haustür der Anwohner in Beetz und Sommerfeld formiert. Rund 100 Menschen fanden am Dienstag den Weg in die Kliniken. Auch aus dem Publikum heraus wurde immer wieder lautstark protestiert.

Nutzwald bietet laut Investor großes Potenzial für Umsetzung der Energiewende.

Das Windenergievorhaben „Birkholzgrund West“, nördlich von Beetz, liegt in einer Waldfläche östlich der L19 zwischen Beetz und Rüthnick. Stein des Anstoßes sind nicht nur sieben Windräder mit je sieben Megawatt Leistung. „Insgesamt 40 Windräder sollen im Laufe der Zeit in der Region um Kremmen entstehen“, so Hartmut Rakow von der Bürgerinitiative Beetz. Die Gesamthöhen der Anlagen werden mit 270 Metern angegeben. Laut der ausführenden Firma UKA könnten die Anlagen 2027 in Betrieb gehen.

Die bei der Diskussion anwesende Menschen aus den betroffenen Dörfern fragten sich zum Teil lautstark und mit Zwischenrufen, warum die Anlagen ausgerechnet im Wald stehen müssen. „Dieser Wald ist ein resistenter Klimawald, durch die Schneisen, die beim Bau der Windräder geschlagen werden, trocknet der Wald weiter aus“, erklärt Dirk Hartung von der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald (SDW). „Am Ende entstehen hier Industriebrachen, die als Sondermüll nur schwer wieder zu entsorgen sind. Was soll am Ende noch für unsere Kinder erhalten bleiben?“, fragt er.

Auch die Auswirkungen auf die Vogelwelt seien nicht zu unterschätzen. Mit 320 Kilometern pro Stunde rasten die Rotoren der Windräder und nähmen dabei keine Rücksicht auf Rotmilane, Seeadler oder andere gefährdete Arten. Diese fänden sich dann völlig zerschmettert am Boden wieder. Es sei eine Frage der Zeit, bis diese Vogelarten dann irgendwann alle verschwunden und ausgestorben seien. Es müssten neue Artenschutzgutachten erstellt werden. Auch eine Umweltverträglichkeitsprüfung wäre angebracht, ist aber vermutlich nicht verpflichtend.

Investor UKA argumentiert, es würde sich bei der geplanten Fläche um Nutzwälder handeln. Das Vorhaben biete großes Potenzial für eine Umsetzung der Energiewende. Laut UKA seien Wälder siedlungsferner, die Bäume dienten als Sichtschutz. Waldeigentümern würden sich zusätzliche Ertragsmöglichkeiten bieten. Die Rotorblätter drehten sich über dem Kronendach und würden die Tiere im Wald nicht stören. Schon vor zehn Jahren hätten einige Waldbesitzer Vorverträge mit dem Investor UKA abgeschlossen. Es gehe hier um viel Geld und gute Gewinne, daher wäre die Kommunikation mit den Besitzern der Flächen schwierig, erklärte Diana Stöcklein von der Bürgerinitiative Beetz.

———————————————————————————

OGA vom 24. Mai 2024 OBERHAVEL – Seite 2

Kliniken fürchten um Patienten

Erneuerbare Energien

Ein Windkraftvorhaben bei Beetz und Sommerfeld stößt auf breiten Protest.

Von Sophie Brachvogel-Lüttke

Beetz/Sommerfeld. Der Mindestabstand von 1000 Metern zur nächsten Wohnbebauung werde eingehalten, reiche aber nicht aus, um die Bewohner von Beetz und Sommerfeld vor den negativen Folgen der Lautstärke der geplanten Windräder zu schützen. „Auch unsere Patienten kommen in die Sana Kliniken wegen der Nähe zum Wald und der damit verbundenen Ruhe“, erläutert Professor Dr. Andreas Halder, ärztlicher Leiter der Sana Kliniken. Hier werden vor allem neue Hüften und Knie operiert. Aber eben auch Reha-Aufenthalte seien vorgesehen.

Dafür habe die Klinik eine eigene Sparte der Waldmedizin, es gebe zwei therapeutische Waldwege. Eine künftig geplante Erweiterung dieser Wege werde schwierig, falls die Windräder kämen. Er frage sich, warum nun ausgerechnet in unmittelbarer Umgebung der Klinik Windkraft entstehen solle, denn für seine Einrichtung sei Ruhe ein Qualitätsmerkmal. Ein weiterer Zweig der Klinik sei auch die Schlafmedizin.

Guten Rat erhofften sich die Diskutierenden schließlich von dem Bundestagsabgeordneten Uwe Feiler (CDU). Er sagte gleich zu Beginn seiner Rede, dass er seine körperliche Fitness der Sana Klinik zu verdanken habe. „Die letzten drei Atomkraftwerke hätten am Netz bleiben soll“, so Feiler. Jetzt werde „auf Teufel komm raus“ der Ausbau der Windenergie gefördert. Allerding müsse dies synchron mit dem Speicherausbau funktionieren, hier hinke man bislang hinterher. Und Brandenburg sei derzeit gut mit Strom versorgt. „Warum das Naturerbe Wald verschandeln, das erschließt sich mir nicht“, so Feiler.

Abschließend wurde diskutiert, ob der Weg der Klage gegen das Vorhaben Erfolg haben könnte. Die Gemeinde könne klagen, auch Wegerechte könnten verweigert werden. Frank Bommert hingegen setzt auf die neue Stadtverordnetenversammlung nach den anstehenden Kommunalwahlen am 9. Juni. Stefanie Gebauer (BVB/Freie Wähler), Vorsitzende der Stadtverordnetenversammlung Kremmen, fragte, was die Stadt gegen die Windmühlen unternehmen könne. Bommert: „Nur wenn wir alle zusammen in Stadt und Kreistag angreifen, haben wir Erfolg.“

Cannabis und wie weiter?

OGA vom 03. April 2024 BRANDENBURG

Landkreise fordern schnelle Lösungen

Cannabis-Freigabe

Auf kommunaler und Landesebene herrscht noch Unklarheit über die Aufgabenzuordnung.

Von dpa

Senftenberg. Kurz nach Inkrafttreten des Cannabis-Gesetzes herrscht bei den Landkreisen in Brandenburg noch Unklarheit über die Verteilung der Aufgaben und Zuständigkeiten. Der Landrat von Oberspreewald-Lausitz und Vorsitzende des Landkreistages, Siegurd Heinze (parteilos), forderte eine rasche Klärung. Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) hält Änderungen des Gesetzes für nötig. „Um einen geordneten Vollzug zu gewährleisten, ist eine sorgfältige Koordination und Zusammenarbeit der verschiedenen Behörden auf kommunaler und Landesebene unbedingt erforderlich“, sagte Landrat Heinze. „Leider wurden hier klare Aufgabenzuordnungen und -abgrenzungen bislang noch nicht vorgenommen. Dies muss unbedingt zeitnah nachgeholt werden.“ Betroffen seien durch das Gesetz Gesundheitsämter, Fahrerlaubnis-Behörden und Gewerbeämter. 

Der Arbeitsaufwand werde steigen, wie stark, sei derzeit aber nicht abschätzbar, sagte Heinze, der das Gesetz zur Cannabis-Teillegalisierung nicht für sinnvoll hält. „Es müssen auf Landesebene schnelle Lösungen auf Probleme und Fragen folgen, die in den ersten Praxiswochen aufkommen können.“ 

In Berlin ist im Landeskriminalamt etwa eine Arbeitsgruppe gebildet worden, die klären soll, wie die Polizei mit der neuen Lage umgeht und wie die Auswirkungen des Gesetzes etwa bei Kontrollen und anderen Maßnahmen sind. 

Bußgelder drohen

Das Rauchen von Marihuana oder Haschisch ist seit dem 1. April erlaubt. Wer 18 Jahre oder älter ist, darf zu Hause bis zu 50 Gramm aufbewahren und draußen maximal 25 Gramm mit sich führen. Verboten ist es auf Spielplätzen, in Schulen, Sportstätten, also auch Fußballstadien, Kinder- und Jugendeinrichtungen und jeweils in Sichtweite davon – in 100 Metern Luftlinie um den Eingangsbereich. Verstöße können mit empfindlichen Bußgeldern geahndet werden.

Die Weitergabe der Droge – mit Ausnahme im Rahmen der Vereine – bleibt strafbar, besonders bei Weitergabe an Minderjährige droht Gefängnis. Wer jünger als 18 Jahre ist, darf Cannabis nicht konsumieren.

Landeselternrat Brandenburg hat große Sorgen wegen dem Lehrermangel

OGA vom 03. April 2024 BRANDENBURG

Deutsch und Mathe haben Priorität

Unterricht

Wegen Lehrermangel und Ausfall an Grundschulen machen sich Eltern in Brandenburg große Sorgen um die Schüler. Sie schlagen in der Not zwei konkrete Sofortmaßnahmen vor.

Von Mathias Hausding

Rund 430 Vollzeit-Lehrer-Stellen seien in Brandenburg unbesetzt. Rechnerisch ergebe das 215.000 Stunden Unterrichtsausfall allein im ersten Schulhalbjahr 2023/2024. Hinzu kämen krankheitsbedingte Ausfälle. Im Dezember 2023 habe der Krankenstand unter den Lehrkräften bei 17 Prozent gelegen. Der Landeselternrat (LER) trägt diese Zahlen vor, um einer großen Sorge Ausdruck zu verleihen.

„Die Bildungsdefizite der Kinder in Brandenburg verstärken sich weiter“, warnt die LER-Vorsitzende Ulrike Mauersberger. „Dagegen muss jetzt kurzfristig etwas getan werden.“ Nachdem die Eltern auf einen offenen Brief mit Forderungen an Ministerpräsident Dietmar Woidke im Dezember 2023 weder von diesem eine Reaktion erhalten hätten, noch von Bildungsminister Steffen Freiberg (beide SPD), startet der LER nun einen neuen Anlauf.

Angesichts der Bildungsdefizite fordert der Elternrat eine kurzfristige Reaktion.

Das Gremium möchte dabei zwei mögliche Sofort-Maßnahmen, die kein Geld kosten, in den Vordergrund rücken. Eine dieser Forderungen sei völlig neu. Eine Notlösung, nicht schön, aber vorübergehend notwendig, damit allen Kindern zumindest die Grund-Kompetenzen Lesen und Rechnen vermittelt werden, sagt Ulrike Mauersberger.

Es sei notwendig, insbesondere den Unterricht an den Grundschulen in den Kernfächern Deutsch, Mathematik und der ersten Fremdsprache zu priorisieren. „Bevor Deutsch oder Mathematik ausfallen, fällt irgendein anderes Fach aus“, erklärt die LER-Vorsitzende. „Das heißt, notfalls übernimmt ein fachfremder Lehrer diese Stunden. Um mit Grundschulkindern zu lesen, muss man nicht Deutsch studiert haben. Die Lehrkräfte bringen Methodik und Didaktik aus ihrem Studium mit.“ Es gehe dem Landeselternrat um jene Kinder, die jetzt nicht richtig lesen lernen, weil Lehrkräfte fehlen.

Im Bildungsministerium stößt der Vorstoß auf Ablehnung. „Uns überrascht der Standpunkt des LER, dass fachfremde Lehrkräfte gerade die Kernkompetenz-Fächer Deutsch und Mathematik unterrichten sollen. Wir unterstützen diesen Ansatz nicht“, sagt Ministeriumssprecher Alexander Engels.

Das MBJS habe bereits kurzfristige Maßnahmen ergriffen, etwa die Festlegung, Schwerpunktstunden in den ersten vier Klassenstufen für Deutsch und Mathematik zu verwenden, oder das Angebot von Mustern für die schulinternen Fachpläne für Deutsch und Mathematik. „Darüber hinaus beraten inzwischen renommierte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler das MBJS, etwa die Mathematik-Professorin Susanne Prediger und Professor Ulrich Kortenkamp für Mathematik-Didaktik“, betont Engels.

Bei der zweiten vorgeschlagenen Sofort-Maßnahme der Elternvertreter sieht das Ministerium keine Dringlichkeit. So fordert der LER, das bislang freiwillige Leseband mindestens an allen Grundschulen zur Pflicht zu machen. „Das kann das Ministerium sofort umsetzen. Wir haben kein Verständnis dafür, dass das noch nicht passiert ist“, sagt Ulrike Mauersberger. Schließlich hätten Bildungstests erhebliche Lese-Defizite bei Schülern aus Brandenburg offenbart.

Leseband ist freiwillig

Das sogenannte Leseband sieht vor, dass Schülerinnen und Schüler an vier bis fünf Tagen pro Woche jeweils 15 bis 20 Minuten gemeinsam lesen, vor allem an Grundschulen, aber auch in den Klassenstufen 7 und 8. „Seit dieses erprobte Konzept in Brandenburg zum Schuljahr 2023/24 etabliert wurde, haben es mehr als 150 Schulen auf freiwilliger Basis eingeführt“, sagt Ministeriumssprecher Engels. „Insbesondere für Schulen mit einem hohen Anteil von Schülerinnen und Schülern, die Schwierigkeiten beim Lesen haben, ist die Teilnahme sinnvoll.“ Man wolle das Konzept den Schulen nicht über ihre Köpfe hinweg verordnen, betont Engels. Das Ministerium strebe jedoch auf Basis der in der jetzigen Erprobung gewonnenen Erkenntnisse eine grundständige Umsetzung des Lesebands an.

Ein Kommentar zu: Körperverletzungen an Brandenburgs Schulen? – Ja die gibt es leider…

OGA vom 28. März 2024 BRANDENBURG

Kommentar

Mathias Hausding über den Umgang mit Gewalt an Schulen

Schluss mit dem Tabu

Von Mathias Hausding

Der statistische Beleg für die stark gestiegene Zahl von Körperverletzungen an Schulen in Brandenburg ist keine große Überraschung und doch ein Alarmsignal. Meldungen über Gewaltvorfälle hatten 2023 für Aufsehen gesorgt. Aber sie wurden zumeist als Einzelfälle abgetan. Eine tiefe und ernsthafte Analyse des Problems etwa im Landtag gab es bislang nicht mal ansatzweise. Es scheint tabu zu sein, darüber zu reden.

Das muss anders werden. Allgemeines Bedauern und der Verweis auf die zunehmende Verrohung in der Gesellschaft reichen nicht als Antworten auf die Gewalt an den Schulen. Nötig sind Dunkelfeld-Untersuchungen, die also einen Eindruck davon vermitteln, wie viel Gewalt es jenseits der offiziellen Polizei-Statistik gibt. Und es muss herausgearbeitet werden, inwieweit sich die Probleme gleichmäßig verteilen oder ob es Brennpunkte gibt. Letzteres ist zu vermuten. Diesen Schulen muss dann schnell und nachhaltig geholfen werden – mit Personal und mit guten Konzepten.

Wie gesagt, dafür sind zuerst Offenheit und Ehrlichkeit nötig, und daran fehlt es bislang in Brandenburg. Auch um den vielleicht unbequemen Fakt, dass 2023 laut Statistik fast jeder vierte Tatverdächtige nichtdeutscher Herkunft war, darf das Land keinen Bogen machen.

Körperverletzungen an Brandenburgs Schulen? – Ja die gibt es leider…

OGA vom 28. März 2024 BRANDENBURG

Mehr Gewalt an Brandenburger Schulen

Landeskriminalamt

Detaillierte Zahlen zu Körperverletzungen zeigen: Die Fälle haben 2023 drastisch zugenommen. Eltern sind in großer Sorge.

Von Mathias Hausding

Eine Umstellung in der bundesweit einheitlichen Kriminalstatistik der Polizei (PKS) hat dafür gesorgt, dass seit 2020 Körperverletzungen am Tatort Schule besser ausgewertet werden können. Diese Zeitung bat das Landeskriminalamt Brandenburg, detailliert die Zahlen der vergangenen Jahre zusammenzustellen. Wichtig: Es ist eine sogenannte Ausgangsstatistik. Erfasst werden also keine Strafanzeigen, sondern von der Polizei bereits ermittelte Fälle.

Aus den gelieferten Tabellen ergibt sich, dass 2023 insgesamt 982 Körperverletzungen an Schulen erfasst wurden, eine Zunahme um 35 Prozent gegenüber 2022 und um fast 50 Prozent im Vergleich zu 2020. In 252 Fällen davon handelte es sich 2023 um gefährliche und schwere Körperverletzungen. Von solchen Taten spricht man gemäß Strafgesetzbuch, wenn sie gemeinschaftlich oder mit gefährlichen Gegenständen begangen werden, beziehungsweise wenn sie geeignet sind, erhebliche gesundheitliche Folgen zu verursachen. Auch diese Zahlen sind an Schulen in Brandenburg im Vergleich zu Vorjahren stark gestiegen.

Mehr als die Hälfte der Verdächtigen sind Kinder unter 14 Jahre.

Von den insgesamt 1037 ermittelten Tatverdächtigen im vergangenen Jahr waren mehr als die Hälfte (575) Kinder unter 14 Jahren. Sie sind zwar noch nicht strafmündig, die Taten können dennoch Folgen haben, etwa in Form einer Meldung an das Jugendamt. 363 Verdächtige waren zum Tatzeitpunkt Jugendliche, 99 waren bereits volljährig.

Die Quote der nicht deutschen Tatverdächtigen liegt mit knapp 24 Prozent über dem Ausländeranteil der Schülerschaft in Brandenburg. Zum Vergleich: Laut Bildungsministerium werden im Schuljahr 2023/24 rund 15.400 fremdsprachige Kinder und Jugendliche unterrichtet, was 5 Prozent aller Schülerinnen und Schüler entspricht. Besonders auffällig ist, dass von 2022 zu 2023 die Zahl der nicht deutschen Tatverdächtigen um 57 Prozent auf 246 Personen gestiegen ist.

Insgesamt 1078 Menschen wurden laut Statistik im Jahr 2023 Opfer von Körperverletzungen an Schulen. Ein Anstieg um 42 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Darunter waren 599 Kinder (U14), 316 Jugendliche (U18), 23 Heranwachsende (U21) sowie 140 Erwachsene, also zum Beispiel Schulpersonal. Das Verhältnis von Deutschen zu Ausländern liegt unter den Opfern bei 87 zu 13 Prozent.

Den Landeselternrat (LER) versetzt die Kriminalitätsstatistik in Alarmstimmung. „Es ist ein riesiger Anstieg. Das passt leider auch zu Rückmeldungen, die wir von Eltern erhalten. Die Schule ist vielerorts kein Schutzraum mehr. Kinder und Jugendliche bringen Frust und Ängste mit“, sagt die Landesvorsitzende Ulrike Mauersberger. Der LER wünscht sich einen stärkeren Fokus auf diese Probleme. „Ja, Rechtsextremismus ist auch eine Gefahr an Schulen“, betont Ulrike Mauersberger mit Verweis auf Debatten der vergangenen Monate und die umstrittene Änderung des Schulgesetzes. „Aber die Gewaltdelikte sind viel schlimmer für unsere Kinder. Das belegt die Statistik leider.“

Ulrike Mauersberger erinnert exemplarisch an Vorfälle in Seelow, wo im Januar 2023 vorübergehend Wachschutz bestellt werden musste, um die Sicherheit an einer Schule gewähren zu können, sowie an Gewalttaten in Eberswalde, in deren Folge Väter und Mütter auf einer Elternkonferenz berichtet hätten, dass sich Zehntklässler aus Angst vor bestimmten Gangs buchstäblich in die Hose machen und sich nicht in die Schule trauen würden.

Der Landeselternrat erwartet eine Reaktion der Schulen und der Politik auf diese Entwicklungen. „Hier muss ganz dringend gehandelt werden. Wir brauchen Anti-Gewalt-Projekte an den Schulen und viel mehr Schulsozialarbeit“, sagt Ulrike Mauersberger. Kinder und Jugendliche müssten wieder lernen, Konflikte gewaltfrei auszutragen.

Psychologen gefordert

Außerdem sollten Gesundheitsfachkräfte und Psychologen als Ansprechpersonen für Kinder mit Ängsten vorhanden sein. Hier werde derzeit zu viel auf die Lehrkräfte abgewälzt. Zumal der akute Lehrermangel und überfüllte Klassen vielfach dazu beitragen würden, dass sich das Klima weiter verschlechtert.

Stefan Tarnow, Sprecher des Landesschülerrats, geht ebenfalls davon aus, dass die Klassengrößen direkten Einfluss auf das Konfliktpotenzial an den Schulen haben. Die Lage sei besorgniserregend. Setze man die 982 ermittelten Körperverletzungen von 2023 in Relation zu den mehr als 900 öffentlichen und freien Schulen in Brandenburg, ergebe sich zwar ein differenziertes Bild. Es gebe jedoch definitiv eine hohe Dunkelziffer und jede Gewalttat sei zu verurteilen, betont Stefan Tarnow.

Schreitet die Verrohung der Gesellschaft voran?

OGA vom 14. März 2024 BRANDENBURG

Jeden Tag zehn schwere Körperverletzungen

Jahresbilanz

Die Gewaltkriminalität ist in Brandenburg zuletzt deutlich angestiegen, laut Polizei auf den höchsten Stand der vergangenen 15 Jahre. Was steckt dahinter? Und wer sind die Täter?

Von Bodo Baumert

Ende April 2023 in Cottbus: Zwei junge Frauen geraten in einem Fast-Food-Restaurant in Streit mit einigen jungen Männern. Erst fliegen die Worte, dann die Fäuste. Eine Frau bekommt einen Schlag ins Gesicht, geht zu Boden. Kurz darauf sind die Angreifer und das Handy der jungen Frau verschwunden.

Anfang September 2023 in Fürstenwalde: Ein Mann mit Stichverletzungen wird auf der Straße aufgegriffen. Er sagt, er sei in Streit mit drei Unbekannten geraten, die Zigaretten von ihm wollten. Dann soll einer der Männer zugestochen haben.

Innenminister beklagt eine zunehmende Verrohung der Gesellschaft.

Anfang Oktober 2023 in Mühlberg: Ein 20-Jähriger wird tot in seiner Wohnung gefunden. Die Politei geht von einem Tötungsverbrechen aus. Einige Wochen später wird ein anderer Mann verhaftet. Die Polizei ermittelt.

Es sind solche und ähnliche Meldungen der Polizei, die bei Bürgern in Brandenburg zu einem Unsicherheitsgefühl führen können. Ein Unsicherheitsgefühl, das offenbar nicht völlig unbegründet ist. Das zumindest lässt sich aus den Zahlen der Polizeilichen Kriminalitätsstatistik (PKS) herauslesen, die Innenminister Michael Stübgen (CDU) am Mittwoch in Potsdam vorgestellt hat.

Bei der Gewaltkriminalität gibt es demnach einen deutlichen Anstieg für das Jahr 2023 zu verzeichnen: um über 17 Prozent. Schwere und gefährliche Körperverletzung zählen darunter, Vergewaltigungen, Raub, räuberische Erpressung, Mord und Totschlag. Zehn gefährliche oder schwere Körperverletzungen weist die Statistik pro Tag in Brandenburg aus, fast jeden Tag einen Angriff auf die sexuelle Selbstbestimmung.

Auch bei Mord und Totschlag gibt es mehr Fälle. 14 statt neun im Jahr zuvor. Ähnlich bei den Tötungsversuchen. Hier sind es fünf Fälle mehr. Das allerdings lässt sich mit statistischen Schwankungen noch recht gut erklären. Ohnehin gehen die Fälle erst dann in die Statistik ein, wenn sie aufgeklärt werden. Die beiden Morde der Statistik für 2023 sind daher eigentlich aus den Jahren 2015 und 2022.

Auch die Kriminalität insgesamt ist in Brandenburg 2023 gestiegen, um 9,4 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Beim Diebstahl sind es 10 Prozent mehr, beim Ladendiebstahl 30 Prozent, beim Autodiebstahl 20 Prozent, beim Einbruch 20 Prozent und bei Betrug 5 Prozent.

Die Gewaltfälle nehmen aber eine besondere Stellung ein. Denn während sonstige Straftaten meist auf das Niveau vor der Corona-Pandemie zurückkehren oder teils noch darunter liegen, nimmt die Gewalt auch im Vergleich über einen längeren Zeitraum zu. 5499 Fälle in einem Jahr – das hat es seit 15 Jahren in Brandenburg nicht mehr gegeben.

Auch im Vergleich zum Vorjahr sprechen die Zahlen im Bereich Gewalt eine deutliche Rolle. 13 Prozent mehr gefährliche und schwere Körperverletzungen, 15 Prozent mehr Vergewaltigungen und sexuelle Nötigungen, 30 Prozent mehr Raubüberfälle.

Innenminister Michael Stübgen sieht eine „zunehmende Verrohung der Gesellschaft“ als eine der Ursachen für den Anstieg. „Nach der kompletten Aufhebung von Corona-bedingten Einschränkungen sind die Menschen wieder mobil geworden und fanden sich in Alltagssituationen wieder, die mehr als früher auch durch wirtschaftliche Herausforderungen und soziale Unsicherheiten geprägt waren. All dies führte mutmaßlich zu mehr Tatgelegenheiten und Tatentschlüssen sowie zwischenmenschlichen Konflikten, die sich dann leider auch in der gestiegenen Zahl der Gewaltdelikte widerspiegeln“, ergänzt Polizeipräsident Oliver Stepien bei der Präsentation der Zahlen.

Andere Erklärungsmuster verfangen nicht. Auf den Zuzug von Flüchtlingen lässt sich der Anstieg der Gewalt jedenfalls nicht zurückführen. Betrachtet man die Zahlen der PKS im Detail, wird deutlich, dass die klare Mehrheit der Täter Deutsche sind. Von 314 Vergewaltigungen im Jahr 2023 gehen 28 auf das Konto von Zuwanderern. Bei Körperverletzungen sind es 1500 von 16.500 Tatverdächtigen. Die deutschen Täter sind es auch, die mehrheitlich für den Anstieg der Fallzahlen im vergangenen Jahr verantwortlich sind.

Mehr häusliche Gewalt

Minister Stübgen macht auch auf Gewalt im häuslichen Umfeld und gegen Polizeibeamte aufmerksam. Die registrierten Fälle von häuslicher Gewalt seien um gut acht Prozent auf rund 6300 gestiegen. Immer häufiger sind Kinder und Jugendliche unter den Opfern.

Fälle von Gewalt gegen Polizeibeamte sind laut PKS um sieben Prozent auf fast 1400 Fälle gestiegen. „Das sind mehr als drei Fälle pro Tag“, so der Minister. Stübgen will dagegen weiter vorgehen. „Bei Gewalt gibt es kein Pardon – egal gegen wen sie sich richtet oder wo sie stattfindet. Es ist unsere gesamtgesellschaftliche Pflicht und Aufgabe, entschieden gegen jegliche Formen von Gewalt einzustehen und nicht die Augen zu verschließen“, so der Minister.

Neue Studie soll Polizeistatistik ergänzen

Jedes Jahr im März legen Innenministerium und Polizei in Brandenburg die Polizeiliche Kriminalitätsstatistik (PKS) vor. Damit einhergehen Aussagen, wie sicher oder unsicher die Lage im Land geworden ist. Doch kann die PKS diese Frage beantworten?

Um zu verstehen, welche Aussagen man aus der Statistik ableiten kann, muss man zunächst wissen, was die PKS ist. „Bei der Polizeilichen Kriminalstatistik handelt es sich um eine sogenannte Ausgangsstatistik, welche durch die bundeseinheitliche PKS-Richtlinie geregelt wird“, erläutert eine Sprecherin des Polizeipräsidiums in Potsdam. Alle Fälle, die von der Polizei bearbeitet wurden, landen also darin. Was erfasst wird, ist für alle Bundesländer einheitlich festgelegt.

Das heißt allerdings auch: Nur die Verbrechen, von denen die Polizei etwas erfährt, können in die Ergebnisse einfließen. Längst nicht jeder Diebstahl wird aber zur Anzeige gebracht. In manchen Deliktfeldern, etwa bei Betrugsversuchen im Internet, gehen die Betroffenen so gut wie nie zur Polizei. Spam-Mails sind solch ein Fall, die täglich bei fast jedem eingehen und in denen ein Unbekannter Geld oder angebliche Glücksspielgewinne verspricht.

Hinzu kommt: Die Polizeistatistik für Brandenburg kennt nur Fälle aus Brandenburg. Ist der Tatort, also der Ort, von dem aus der Täter seine Tat begeht, hingegen unbekannt oder im Ausland, taucht der Fall in der PKS nicht auf.

Das ist etwa bei Betrugsmaschen wie Enkeltrick oder „falsche Polizisten“ der Fall. Nur bei einem Bruchteil dieser Fälle lässt sich der Tatort eindeutig in Brandenburg festmachen. Der Rest taucht nie in der PKS auf.

Politik und Polizei versuchen deshalb, die PKS durch eine sogenannte „Dunkelfeldstudie“ zu ergänzen. Diese soll aufzeigen, wie die Kriminalitätslage und das Sicherheitsempfinden aus Sicht der Bürger tatsächlich sind. 2020 ist die erste Runde dieser Studie gestartet, aktuell läuft die zweite Runde.

Skid – „Sicherheit und Kriminalität in Deutschland“ – heißt die Studie. In den vergangenen Wochen wurden dafür bundesweit mehr als 186.000 Menschen ab 16 Jahren angeschrieben. Auch Brandenburger sind darunter. Die Teilnehmer wurden zufällig ausgewählt. Wer sich bereiterklärt, mitzumachen, bekommt nun einen Fragebogen zugeschickt.

Eine Erkenntnis der ersten Runde 2020 ist laut BKA, dass es erheblich mehr Straftaten im digitalen Raum gibt, als bisher bekannt. Analoge Verbrechen gehen hingegen langfristig zurück.

Hierauf kann die Politik reagieren, etwa indem mehr Cyberpolizisten oder Ermittler eingesetzt werden. bob

Die AfD geht gerichtlich gegen den Verfassungsschutz vor – oder: betroffenene Hunde bellen

OGA vom13. März 2024 POLITIK

„Leicht, sich als Opfer zu stilisieren“

Extremismus

Der Verfassungsschutz warnt schon lange vor der AfD. Geschadet hat es der Partei bislang nicht. Erklärungen von Sozialpsychologin Eva Walther von der Universität Trier.

Von Dominik Guggemos

Die AfD gegen den Verfassungsschutz – das Verfahren vor dem Oberverwaltungsgericht in Münster gilt als richtungsweisend. Eva Wal­ther, Leiterin der Abteilung Sozialpsychologie an der Universität Trier und Autorin des Buchs „Die AfD – psychologisch betrachtet“, erklärt, welche Rolle die Einstufung als rechtsextremistischer Verdachtsfall spielen könnte.

Frau Walther, inzwischen wird die gesamte AfD vom Verfassungsschutz als extremistischer Verdachtsfall bewertet. Anfang 2024 stand die Partei in Umfragen trotzdem so gut da wie nie zuvor. Warum interessiert es die Wähler nicht, für wie gefährlich der Verfassungsschutz die AfD hält?

Hier möchte ich widersprechen. Es interessiert einige Wähler nicht – andere hingegen sehr wohl. Für die Gruppe, zu deren Selbstbild es gehört, sich demokratischen Werten zuzuordnen, sind solche normativen Signale sehr wichtig. Zu solchen Signalen zählen die Demos gegen rechts, aber auch die Einschätzung des Verfassungsschutzes. Diese Menschen wollen sich auf dem Boden des Grundgesetzes bewegen.

Die AfD behauptet, der Verfassungsschutz schütze die Regierung, nicht das Grundgesetz. Glauben die AfD-Anhänger diese Verteidigung?

Eine zentrale ideologische Denk­figur rechter Populisten ist, dass die Bürger sich in einer Zwangssituation befänden, bedrängt von einer korrupten Elite in Politik und Wirtschaft einerseits und bedroht von Minderheiten, speziell Migranten, andererseits. Es ist sehr leicht, aus dieser Denkfigur heraus abzuleiten: Der Verfassungsschutz als Teil der als korrupt dargestellten Elite beschützt die Regierung. Genauso wie es der AfD leicht fällt, sich bei ihren Anhängern als Opfer solcher Maßnahmen zu stilisieren.

Die Correctiv-Recherche hat im Vergleich zu dem, was der Verfassungsschutz über die AfD gesammelt und veröffentlicht hat, nichts grundlegend Neues ans Licht gebracht. Warum hat die Veröffentlichung trotzdem so viele aufgewühlt?

Remigration wie auch das, was damit gemeint ist, nämlich Deportation, weckt dunkelste Assoziationen, die im kollektiven Gedächtnis tief und sehr negativ verankert sind. Diese Assoziationen erzeugen Furcht.

Wichtig war dabei auch, dass sich Teile der Bevölkerung direkt angesprochen und bedroht gefühlt haben und andere ihre Solidarität zeigen wollten. Schnell kam zudem die Frage auf: Was kann ich jetzt tun, um die Demokratie zu verteidigen? Also gingen viele Menschen auf die Straße.

War die Correctiv-Recherche vor allem für die Motivation der Menschen entscheidend?

Die Veröffentlichung war schnell mit einer klaren Handlungsanweisung verbunden: „Geh auf die Straße und verteidige demokratische Werte“. Und dann haben die Menschen durch die Masse der Demonstrationsteilnehmer gesehen: Schau mal, es ist gar nicht so, dass alle heimlich auf der Seite der AfD stehen. Wenn man sich viel auf den sogenannten sozialen Medien aufhält, kann diese Illusion ja leicht entstehen.

Wie wichtig ist es, dass es nicht nur Demos des urbanen Milieus sind?

Es ist enorm wichtig und auch mutig, dass auch in den ländlichen Regionen demonstriert wurde und wird. Dort kennt man sich, es gibt so gut wie keine Anonymität. In solchen Gebieten dominieren häufig die besonders Lautstarken das Meinungsbild. Denen haben die Menschen mit den friedlichen Demos etwas entgegengesetzt. Zwar ist es grundsätzlich eher niederschwellig, auf die Straße zu gehen, aber ganz ohne Risiko ist es auf dem Land eben nicht, weil man sich kennt. Das muss man unbedingt wertschätzen – und in der medialen Berichterstattung ist das aus meiner Sicht etwas zu kurz gekommen.

Auch mit Blick auf die Einstufung durch den Verfassungsschutz als rechtsextremer Verdachtsfall fordern manche ein Verbot der AfD, andere wollen Björn Höcke wichtige Grundrechte entziehen. Wie wirkt das auf AfD-Wähler?

Es liegt nahe, dass das Menschen, die demokratische Werte hochhalten wollen und trotzdem ihr Kreuz bei der AfD machen, schon abschrecken könnte. Wer allerdings bereits stark von der Ideologie der AfD beeinflusst ist, für den sieht es anders aus. Die müssen sich quasi mit-radikalisieren, weil ihr Abstand zur sozialen Norm der Mehrheitsgesellschaft zugenommen hat. Wer sich im Laufe dessen dann einmal normativ von der Mehrheitsgesellschaft verabschiedet hat, ist nur schwer wieder zurückzuholen.

Bundesamt als Behörde

Die AfD klagt gegen die Einstufung als Verdachtsfall und wirft dem Verfassungsschutz vor, auf Anweisung der Innenminister zu handeln. Thomas Haldenwang, Präsident der Behörde seit 2018 ist als politischer Beamter Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) unterstellt. Für seine Arbeit ist laut Bundesbeamtengesetz die „fortdauernde Übereinstimmung mit den grundsätzlichen politischen Ansichten und Zielen der Regierung erforderlich“. Unabhängige Gerichte kontrollieren die Einstufung der Behörde.